Wie die EU die Saat für die nächste Finanzkrise legen will

Es gibt Nachrichten, bei denen kommt einem gleich die Galle hoch. Derzeit kommt eine solche Nachricht aus der EU. Wie die Financial Times zu berichten weiß, plant „der für den Binnenmarkt zuständige EU-Kommissar Barnier bei der Umsetzung der Basel-III-Vorschriften offenbar ein Auge zu zudrücken„. Der Franzose dementiert, aber völlig glaubwürdig ist das Dementi nicht. So vermeldet die FT, dass die die französischen Geldhäuser Société Générale und BNP Paribas davon besonders profitieren dürften. Die Aktienkurse der beiden schnellten auch prompt mehrere Prozent in die Höhe.

Knackpunkt ist unter anderem die Möglichkeit sogenannte Mezzanine-Kapitalformen als Eigenkapital anzurechnen. Unter diesen hybriden Kapitalarten, die Eigenkapital wie auch Fremdkapitaleigenschaften aufweisen, verstecken sich Dinge wie Nachrangdarlehen und stille Einlagen. Wegen den stillen Einlagen macht sich auch Deutschland für die Aufweichung der Eigenkapitalanforderung von Basel-III stark. Bei viele Landesbanken und Sparkasse stellen stille Einlagen nämlich große Teile des Eigenkapitals. Beispielsweise hält die NordLB über 90% des Stammkapitals der Bremer Landesbank. Die Stadt Bremen nur die restlichen 7% oder so. Allerdings hält die Stadt Bremen große Mengen an stillen Einlagen. Rechnet man diese zum Eigenkapital hinzu, so hält Bremen sogar mehr als die Hälfte des Gesamteigenkapitals. Die Stillen Einlagen machen also mehr als 50% des Kapitals aus. Kein Wunder, dass der Bundesverband öffentlicher Banken Deutschlands dagegen seine Lobbyisten losschickt. Die spanischen Demonstranten haben ja völlig recht: Sie werden abgezockt – so wie einst die Isländer.

Aber was ist daran so schlimm? Zunächst zu den stillen Einlagen. Es gibt Stille Einlagen, die sind unkündbar und ohne Laufzeitbeschränkung. Da kann man sich trefflich streiten, ob die nun gerechtfertigterweise Eigenkapital sein sollten oder nicht. Völlig unverhandelbar hingegen sind Stille Einlagen, die entweder vom Halter kündbar sind oder aber mit einer Laufzeit versehen sind nach der die Bank die Einlage zurückzahlen muss. Jedes Finanzierungsinstrument, das die Bank zu einem ausgehenden Zahlungsstrom zwingen kann, kann eine Pleite auslösen und damit per se kein Eigenkapital sein.

Völlig absurd hingegen ist der Usus Nachrangdarlehen dem Eigenkapital zu zurechnen. Die Banken finden das selber absurd, machen das aber trotzdem gerne. Um zu sehen wie absurd das ist, schlage ich folgendes Experiment vor: Einfach mal zu Bank gehen und ein Darlehen anfordern. Wenn die Bank nach Sicherheiten fragt, kann man sie darauf hinweisen, dass man ja einer anderen Bank schon viel Geld schulde und das sollte doch Sicherheit genug sein. Von dem Gesicht des Bankers dann bitte ein Foto machen und es dem Europaabgeordneten zeigen, der hoffentlich noch gefragt wird bevor die Aufweichung der Richtlinie real wird.

Die Banken haben ein starkes Eigeninteresse möglichst wenig Eigenkapital zu halten. Denn letztlich haften sie nur mit dem Eigenkapital für ihre Risiken und je weniger sie davon haben, desto weniger können sie verlieren und desto mehr Risiken werden auf den Fremdkapitalgeber abgewälzt (oder aber auf den Steuerzahler, wenn die Politiker so agieren wie zuletzt). So kommt es, dass alle Gesetzeslücken ausgenutzt werden und die Deutsche Bank 2009 gerade mal eine Eigenkapitalquote von 1,7% hatte. Wieder schlage ich vor, dass Leser des Blogs zur nächsten Deutschen Bank Filiale gehen und dort ein Darlehen beantragen mit dem Zweck „Spekulation am Finanzmarkt“ und als Sicherheit 1,7% des Nennwerts anbieten. Bitte den Photoapparat nicht vergessen.

Der Versuch die Basel-III-Richtlinie aufzuweichen geht also genau in die falsche Richtung. Es ist nichts weiter als der Versuch der Bankenlobby den ertragreichen Zustand wieder herzustellen, wie er vor der Finanzkrise herrschte. Und das ist genau das Rezept mit dem sich die Finanzkrise wiederholt. Richtig wäre hingegen neue Bankenkrisen zu verhindern, in dem man die Banken zwingt mehr Eigenkapital zu halten. Auch wäre es wichtig das Insolvenzrecht für Banken zu ändern, so dass eine Zahlungsunfähigkeit einer Bank keinem Politiker mehr Angst einjagt. Ideal wäre die Einführung von Zwangswandelanleihen, wie es viele Ökonomen und die EZB fordern und wie sie in der Schweiz schon Realität sind. Dann würden bei Zahlungsunfähigkeit nur noch einzelne und nicht gleich alle Anleihen einer Bank ausfallen. Die Rückwirkung auf anderen Banken wäre so viel kleiner.

6 Antworten zu Wie die EU die Saat für die nächste Finanzkrise legen will

  1. […] Verlorene Generation: Wie die EU die Saat für die nächste Finanzkrise legen will […]

  2. nigecus sagt:

    so ein basel II/III ist schon verrückt. klar gibt es viel zeug zwischen senior und (echtes) ek. finde es gut dass du es an der fälligkeit/laufzeit/call festmachst. etwas was zu einem refinanzierungsrisiko/funding risk führt kann einfach kein ek sein. darum finde ich die schweizer cocos auch toll, weil man dort ein funding risk dann zu keinem macht.

  3. taurus sagt:

    Lauter vernünftige Vorschläge und Kritik. Aber ist es dafür nicht schon viel zu spät? Müsste man nicht (wie die Bankenlobby) kräftig aufs Gaspedal treten, damit der Karren schneller an die Wand fährt?

  4. […] Das ganze lässt sich nur lösen, wenn die Banken deutlich höhere Eigenkapitalquote haben. Es würde auch helfen, wenn die Entscheidung der Regierung nicht mehr zwischen Bank-Default oder Rettung ist, sondern nur noch zwischen Default einzelnen Anleihen (statt der ganzen Bank) oder Rettung. Dann ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass sie mal nicht retten. Leider geht die Regulierung angeblich gerade genau in die andere Richtung. […]

  5. […] Überhaupt nicht verloren macht ein Besuch der “Verlorenen Generation”. Der als Ketzerisch schreibende Autor, der anonym postet (oder?) und aus dem Finanzwesen kommt, glänzt nicht nur mit seiner regelmäßigen Übersicht über die Kreditausfallrisiken der Länder. Aktuell befasst er sich kritisch mit der EURO-Politik in “Wie die EU die Saat für die nächste Finanzkrise legen will”. […]

  6. […] Bankenaufsicht (EBA) Hybridkapitalien nicht bei der Kernkapitalquote berücksichtigen. Wie ich hier schrieb hat sie damit auch völlig recht. Denn jedes Finanzierungsinstrument, das die Bank zu einem […]

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