Wem nützt die griechische Umschuldung?

Für die FAZ argumentiert Martin Hock, dass eine Umschuldung Griechenlands nichts bringt, bzw. nur im Interesse der restrukturierenden Investmentbanken liegt. Bei vielen Argumenten liegt er richitg, nicht aber beim Fazit.

Zunächst greift er den Hinweis von dem Chef des Euro-Rettungsfonds EFSF, Klaus Regling, auf

„In den 80er- und 90er-Jahren haben die Banken für die Restrukturierung von Staatsschulden in Lateinamerika und Asien sehr hohe Honorare kassiert. Das würden sie in Europa gerne wiederholen.“

Das ist zweifellos richtig. Wir können festhalten, dass eine Umschuldung für jenen Teil der Investmentbanken, der den Auftrag zur Organisation der Umschuldung ergattert, attraktiv ist, jedenfalls wenn die Banken keine eignen griechischen Positionen halten. Insofern haben Herr Regling und der EZB recht, wenn sie die Politiker warnen auf die Banken bei der Frage nach der griechischen Umschuldung zu hören. Ich würde es sogar verallgemeinern und Politiker prinzipiell warnen auf Banken zu hören, aber das führt vom Thema weg.

Das zweite Argument ist, dass eine Umschuldung Griechenlands nicht weiterhilft:

Ob es dagegen Griechenland nützt, ist umstritten. Die EZB steht einer Umschuldung sehr skeptisch gegenüber. „Ein hochverschuldetes Land muss einen Primärüberschuss erwirtschaften. Daran ändert auch eine Umschuldung nichts. Der zweite Punkt ist die Notwendigkeit, die Wachstumskräfte zu stärken. Auch dabei hilft eine Umschuldung nicht.“

Der erste Einwurf, „auch mit Umschuldung braucht das Land einen Primärüberschuss“, ist richtig. Allerdings ist es kein Argument für oder gegen die Umschuldung. Auch wenn die Umschuldung nicht alle Probleme Griechenlands löst, kann sie ja trotzdem noch sinnvoll sein. Das Land hat große strukturelle Probleme, insbesondere auf der Einnahmenseite wo das Steuersystem in Teilen nur auf dem Papier existiert und von der Bevölkerung so weit wie möglich umgangen wird, aber auch auf der Ausgabenseite mit teilweise absurd hoher Stellenzahl im öffentlichen Dienst und sozialen Errungenschaften von denen auch reichere Länder nur träumen können. All diese Probleme werden von einer Umschuldung nicht gelöst.

Weniger überzeugend ist der Hinweis die Umschuldung würde nicht die „Wachstumskräfte stärken“. Die Umschuldung wird die Staatsausgaben für den Schuldendienst senken und daher einen größeren Spielraum für Sozialleistungen und andere öffentliche Ausgaben lassen. Anders ausgedrückt: durch die Umschuldung muss der Staat weniger sparen und verschärft die Krise dadurch weniger stark. Daher ist für mich das größte Argument für eine Umschuldung neben der ordnungspolitischen Hygiene auch ein politisches: Es reduziert meiner Einschätzung nach die Gefahr das populistische Kräfte die Krise für eine Machterlangung verwenden. Eine Umschuldung nützt im wesentlichen den ärmeren Bevölkerungsschichten, die von einer neuen extremen Partei sonst besonders zu umwerben wären.

Rund 410 Milliarden Euro betragen die Schulden Griechenlands. Davon liegen nach jüngsten Schätzungen der amerikanischen Bank Morgan Stanley weniger als 40 Milliarden Euro bei europäischen Banken außerhalb Griechenlands.

Das mag stimmen, geht aber aus vielerlei Hinsicht am Thema vorbei. Erstens werden deutlich mehr als 10% der griechischen Schulden von Ausländern gehalten, nur halt nicht von Banken. Es gibt auch Privatinvestoren, Fonds, Hedgefonds, Versicherungen, und, und, und. Ich würde auch vermuten, dass die wahre Exposureverteilung wegen des lebhaften CDS-Handels nicht wirklich bekannt ist.

Zweitens, sind auch bei den griechischen Inländern die Anleihen nicht gleichverteilt. Es ist ja mitnichten so, dass alle Griechen die gleiche Anzahl an griechischen Anleihen halten würden. Die reicheren Griechen halt mehr und die armen tendenziell gar keine. Verluste bei den Anleihen aus einer Umschuldung würden also von den wohlhabeneren Griechen geschultert werden müssen. Werden die Anleihen bedient, so müssen auch die ärmeren über ihre Steuer und reduzierten Sozialleistungen mitbezahlen.

Leidtragende wären vor allem supranationale Organisationen wie die EZB, die große bestände an griechischen Staatsanleihen aufgekauft haben, der Euro-Rettungsschirm oder der Internationale Währungsfonds.

Für EZB und Rettungschirm ist das richtig, deswegen war ich ja immer und bin ich auch immernoch gegen Anleihenkäufe durch die EZB und den Rettungsschirm. Die IWF-Schulden haben in der Regel aber einen höheren Rang und wäre von einer Umschuldung nicht betroffen.

Die Verluste solcher Organisationen aus Umschuldungen tragen letztlich wieder die Steuerzahler. Denen könnte es daher eher recht sein, wenn Griechenland seine Schulden ordnungsgemäß zahlt.

Nein. Rettungsschirm und EZB halten bislang noch nicht alle griechischen Schulden. Daher ist es ein deutlicher Unterschied, ob der Steuerzahler für einen Teil der Schulden oder für die gesamten Schulden aufkommen muss.

Zudem sollte nicht vergessen werden, dass griechische Staatsanleihen in großem Umfang von griechischen Banken gehalten werden. Deren Verluste muss aber am Ende womöglich eben jener Staat auffangen, der gerade seine Zahlungsunfähigkeit eingestanden hat, so dass was dieser auf der einen Seite bekommt, er auf der anderen wieder ausgeben muss.

Das wird so oft behauptet, dass ich unmöglich jedes Mal wiedersprechen kann. Falsch ist es trotzdem. Ja, es stimmt dass griechische Banken bei einer Umschuldung massive Solvenzprobleme bekommen werden und ja, viele von ihnen werden sicher im Nachgang auf Staatshilfe angewiesen sein. Aber die Staatshilfe im Nachgang ist natürlich viel kleiner als die durch die Umschuldung gesparten Beträge, weil die Banken ja auch mit ihrem Eigenkapital haften. Das heißt, dass in erster Näherung Kosten für die Bankenhilfen um genau dieses Eigenkapital niedriger ausfallen werden als Kosten für die Vermeidung der Umschuldung.

Diese Kostendifferenz tragen die Bankeigner und das sind tendenziell wieder die reichen Griechen. Griechenland vor der Pleite zu retten ist ein Umverteilungsprogramm von unten nach oben. Auch im Ausland, aber vorallem in Griechenland. Das gibt Martin Hock im nächsten Argument auch unumwunden zu:

Darüber hinaus besitzt die griechische Mittelschicht ebenso große Bestände an Staatsanleihen. Deren Vermögen, das auch der Altersvorsorge dient, würde beträchtlich verringert, was zu einer weiteren Belastung des Staates führen könnte.

Warum das ein Argument gegen die Umschuldung sein soll will mir nicht einleuchten. Klar ist das nicht gut für die Mittelschicht. Aber es ist gut für die Unterschicht. Vielleicht bin ich zu sozial eingestellt, aber ich würde immer erst der Unterschicht helfen, bevor ich an die Mittelschicht denken. Und das obwohl ich selber wohl eher ein Teil der Mittelschicht bin.

Und an dieser Stelle schließt sich auch der Kreis:

Und nicht zuletzt werden griechische Staatsanleihen von zahlreichen Rentenfonds, nicht zuletzt Renten-Indexfonds gehalten, gehört Griechenland doch zu den größten Schuldnern des Euroraums.

Insofern dürften nicht nur viele Privatanleger dankbar sein, wenn Griechenland eher durch Anpassungen der Rettungsprogramme als eine Umschuldung geholfen wird, zumal die Auswirkungen auf den Euro unkalkulierbar wären – und damit auch auf die deutsche Wirtschaft.

Also, liebe europäische Mittelschicht, mach schnell Druck auf deine Abgeordneten, damit Du noch die Verluste Deiner schlechten Finanzanlagen auf die Unterschicht abwälzen kannst. Vielleicht kannst Du danach noch zur Gewissensberuhigung die sich ausweitende soziale Spreizung beklagen.

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5 Responses to Wem nützt die griechische Umschuldung?

  1. […] Verlorene Generation: Wem nützt die griechische Umschuldung? […]

  2. […] die Möglichkeit einer Umschuldung Griechenlands berichtet verlorenegeneration.de und auch Blick Log griff diese Woche das Thema auf und versuchte […]

  3. nigecus sagt:

    „Vielleicht bin ich zu sozial eingestellt, aber ich würde immer erst der Unterschicht helfen, bevor ich an die Mittelschicht denken.“ ==> Rawls Law?

    Das Argument mit den Investmentbanken stimmt sicherlich. Aber verdienen die nicht mit jeder Transaktion? Will nicht wissen wieviel Investmentbanken allein mit dem Verschieben der griechischen Exposures verdient haben.

    Bei Griechenland bin ich dennoch misstrauisch wie die jemals von ihren Staatsdefizit runterkommen wollen. Eine Problembaustelle ist ja das Steuereintreiben. Anstatt einer -10% wäre bestimmt eine -5% bei mehr Steuerehrlichkeit möglich. Und rate mal welche Schicht auch Griechenland nicht so vorbildlich ist. Aber Steuehrlichkeit ist ein sehr langer Weg bis da etwas messbares herumkommt (langfristiges Ziel).
    Alternativ wäre auch eine einmalige Vermögensabgabe möglich. Hat Adenauer auch gemacht, was im Falle einer Staatskrise wie in Griechenland Ok wäre (Ansonsten finde ich eine Vermögensabgabe unangemessen). Aber bei einer Vermögensabgabe müsste da schon Reduktion/Rückkauf von Schulden der mittelfristige Ziel sein.

    • nigecus sagt:

      hoppla dieGriechen haben wohl schon eine Vermögenssteuer. Tja dann fällt mir nix mehr ein, außer diese Stellschraube anzuziehen.

    • ketzerisch sagt:

      Normalerweise ist in Griechenland nicht die Existenz der Steuer das Problem, sondern ob sie auch tatsächlich eingetrieben wird. Ich weiß nicht, ob es auch bei der Vermögenssteuer hierbei Defizite gibt, aber ich würde es gerade da vermuten.

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