Manipulation des Strompreis

Weil das das Bundeskartellamt gerade vermeldet hat, es könne den Stromriesen keine Preismanipulationen nachweisen, hier meine Meinung dazu. Als Hintergrund: Ich arbeite bei der Handelstochter eines Energieversorgers als Risk Manager und bin somit vertraut mit den Strommärkten. Ich habe aber bezüglich Preismanipulationen keine Insiderinformationen und weiß auch nicht, ob Preismanipulationen überhaupt stattfinden.

Wie entsteht der Strompreis?
Der Strompreis wird in Deutschland im Rahmen einer Auktion an der EEX in Leipzig festgelegt. Dort wird jede Stunde des Folgetages einzeln versteigert. Sowohl die Nachfrageseite als auch die Angebotsseite stellen Gebote über Strommenge und Preis ein. Aus dem Schnittpunkt der Angebots- und Nachfragekurve ergibt sich als Auktionsergebnis der Strompreis der Stunde.

Dieser Preis der „Day-Ahead-Auktion“ wird üblicherweise als Strompreis veröffentlicht. Tatsächlich geht der Handel noch „Intraday“ weiter. Es gibt sogar noch ein „Day-After“-Handel, bei dem die Marktteilnehmer die Kosten für Regelenergie zu minimieren suchen.

Warum kann das Strompreis manipuliert werden?
Die Auktionen sind sehr transparente Verfahren. Es werden von Seiten der EEX sogar die Angebots- und Nachfragekurven veröffentlicht. Wieso kann dann trotzdem manipuliert werden?

Eine offensichtliche Möglichkeit der Manipulation ist die Absprache auf der Angebotsseite. (Die Nachfrageseite ist zu zersplittert, als dass sich hier plausibel Kartelle herausbilden könnten). Wenn jeder Teilnehmer des Kartells einfach einen Euro mehr verlangt als sie es sonst tun würden, dann wird sich der Strompreis entsprechend um etwas weniger als ein Euro erhöhen. Etwas weniger, weil die Nachfrageseite bei höheren Strompreisen weniger Strom bestellen wird.

Der entscheidende Punkt ist nun, dass die Nachfrage sehr unelastisch ist. Das heißt, sie wird nicht viel kleiner, nur weil der Strompreis einen Euro teurer ist. Die manipulierende Angebotsseite gewinnt also besonders viel, weil sie in etwa die gleiche Menge Strom zu einem höheren Preis verkauft. Würde die Nachfrageseite flexibel auf die Preiserhöhung reagieren, so wäre die Marktmanipulation weniger attraktiv, weil ein höherer Preis nicht notwendigerweise zu entsprechend mehr Umsatz und Gewinn führt. Der Grenznutzen der Manipulation wird durch flexible Nachfrage kleiner (wenn er auch immer noch positiv bleibt, vorausgesetzt das Kartell hat genug Marktanteil).

Das blöde am Kartell ist, dass es eine Absprache nötig macht. Die Stromversorger laufen Gefahr, dass jemand davon Wind bekommt und dann drohen drakonische Strafen.

Preismanipulation ohne Kartell?
Den Strompreis kann man natürlich auch manipulieren, in dem man die Angebotsmenge verringert (also ein Kraftwerk abschalten) anstatt den Angebotspreis zu erhöhen. Auch dies führt zu einem höheren Preis im Auktionsergebnis. Allerdings profitieren von dieser Strompreiserhöhung in erster Linie die Anbieter, die keine Abschaltung vornahmen. Sie können mit voller Kraftwerksleistung von den höheren Preisen profitieren. Somit braucht es auch hierfür ein Kartell, denn keiner ist so selbstlos dem Wettbewerbern Geschenke zu machen.

Jedoch kann man mit Abschaltungen Insiderhandel betreiben. Wer sich für den nächsten Tag bei der EEX-Auktion mit mehr Strom eindeckt als er benötigt, der profitiert von einer „überraschenden“ Abschaltung eines Kraftwerks, denn er kann diesen Extrastrom teuer auf dem Intraday-Markt für höhere Preise verkaufen. Damit profitiert der Trader und das Handelshaus, aber nicht notwendigerweise der Stromkonzern als Ganzes.

Wer gewinnt bei Manipulationen?
Im Fall eines Kartells ist der Gewinner klar. Die Teilnehmer am Angebotskartell gewinnen. Alle anderen Stromanbieter, die zu Marktpreisen verkaufen, gewinnen ebenfalls ohne dafür sich der Gefahr einer Kartellstrafe auszusetzen.

Schwieriger ist dies Frage zu beantworten bei Manipulation der Handelspreise durch spontane Abschaltungen wegen „technischer Schwierigkeiten“, für die das Kartellamt Indizien aber keine Beweise gefunden hat. Der auffällige Befund ist, dass Kraftwerksausfälle überproportional oft dann auftreten, wenn die Strompreise sowieso schon hoch sind. Genau dann hat die Abschaltung besonders große Auswirkungen auf die Preise. Klar ist, dass der Händler mit dem Insiderwissen hiervon profitiert und zwar auf Kosten der Marktteilnehmer, die kein Insiderwissen haben. Aber wer ist das?

Um der Frage nachzugehen, noch ein paar Hintergrundinformationen zu den Strommärkten. Stromkonzern sind in der Regel aufgespalten in Tochterfirmen, die Produktion (Kraftwerke), Handel und Endkunden-Vertrieb trennen. Üblich ist es ein Großteil der Produktion schon vorab an den Energiemärkten zu verkaufen. Nur mit der Größenordnung von vielleicht 5% gehen die Versorger an die Spotmärkte. Weil das Risiko einer exorbitanten Preissteigerung zu Spitzenlaststunden (Peak-Hours) besonders hoch ist, werden sie versuchen mit einer Long-Position für Peak-Strom an den Markt zu gehen.

Eine solche Long-Position zu erreichen ist für die Vertriebseinheiten schwieriger. Denn diese haben ein Volumenrisiko. Sie wissen nicht genau, wie viel Strom die Kunden letztlich verbrauchen werden, denn sie müssen den Strom ja bereits am Vortag ersteigern. Es spricht meiner Meinung nach viel dafür, dass die Vertriebseinheiten die Verlierer einer missbräuchlichen Abschaltung wären.

Werden ganze Kraftwerke vorenthalten?
Kartellamtspräsident Andreas Mundt fällt auf:

Es seien aber Aspekte aufgefallen, „die der weiteren Diskussion und Klärung bedürfen“, so Mund. So sei aufgefallen, dass 25 Prozent der Kapazitäten, „ein sehr hoher Anteil“, im Schnitt aus technischen Gründen nicht verfügbar war, wie Mundt berichtete.

Das finde ich jetzt gar nicht auffällig. Ein Großteil der stillgelegten Kapazität dürfte gegen den Willen der Stromversorger von den Atomaufsichtsbehörden ausgeschaltet worden sein. Das beispielsweise Vattenfall keines seiner Atomkraftwerke am Netz ist sicher keine Firmenstrategie, sonst würden sie diese mit weniger peinlichen Pressemitteilungen umsetzen.

Fazit
Gibt es Manipulationen? Keine Ahnung. Die Häufung von Abschaltungen kann ein Indiz sein, aber es mag ach unschuldige Erklärungen geben: Vielleicht treten technisch Probleme unter Volllast einfach häufiger auf, was ja auch irgendwie einleuchtend wäre. Wenn es Manipulationen durch einzelne missbräuchliche Abschaltungen gibt, so werden weniger Endkunden geschädigt als vielmehr andere die Vertriebsabteilungen der Konzerne selbst. Sollten missbräuchliche Abschaltungen aber oft vorkommen, so würden sie auch Einzug in die Angebotskalkulation der Vertriebsorganisationen erhalten und dann kommt der Schaden beim Endkunden an.

Links:
Der Bericht des Kartellamts in der Langversion und in der Zusammenfassung.

Advertisements

9 Responses to Manipulation des Strompreis

  1. taurus sagt:

    Spannend! Ich hab gerade zufällig den Dokumentarfilm „Enron – The Smartest Guys in the Room“ geschaut, und dort wurde tatsächlich künstlich der Strompreis in Kalifornien hochgetrieben. (Kraftwerke willkürlich abgeschaltet, Strom exportiert und teurer reimportiert etc.) Wär schlimm, wenn sowas auch bei uns liefe.

  2. Für den Fall, dass es eine Manipulation gibt würde mich interessieren, ob unsere Bundesregierung einschreiten würde. De „Atomkompromiss“ und die Lobbypolitik der letzten Tage lässt da nichts Gutes vermuten. Eine Absprache zwischen Politikern und Energiekonzernen auch auf diesem Gebiet zum beiderseitigen Nutzen halte ich für durchaus möglich.

  3. MaxR sagt:

    Wird denn wirklich der gesamte Strom an der Börse gehandelt?

    Oder gibt es nicht auch längerfristige Lieferverträge der XY Stromvertriebs GmbH mit der XY Stromerzeugungs GmBH?

    Da wäre weitere Mechanismen denkbar, wie diese Konstellation genutz werden kann, um der XY HOLDING AG zu hohen Einnahmen zu verhelfen.

    • ketzerisch sagt:

      Nein. Es wird nicht der gesamte Strom an der Börse gehandelt. Der größere Teil läuft bilateral (OTC). Allerdings ist der Börsenpreis die Referenz, welche von den Marktteilnehmern und den Regulierern zur Kalkulation herangezogen wird. Die Vertriebstöchter schließen meistens auch Verträge über andere Stromprofile mit den Kunden ab, als die Börsenstandardprodukte.

  4. MaxR sagt:

    Ja, dann hast Du doch die preismanipulatorische Funktion dieser Börse beschrieben.
    Diese „Börse“ hat doch damit nur eine Feigenblattfunktion, um hohe Preise aufgrund eines scheinbar transparenten Marktgeschehens künstlich zu erzeugen.
    Der wirkliche Markt läuft an der Börse vorbei.

  5. ketzerisch sagt:

    Der OTC-Handel dient nur der Kostenreduktion, weil man die Börsengebühren spart und die Liquidität schont, wenn der Vertrag ohne Marginig läuft. Zudem kann man an der Börse nur Standardkontrakte handeln. Die Preise sind OTC und an der EEX absolut vergleichbar. Es gibt also keinen Schattenstrommarkt, an dem niedrigere Preise als an der Börse gelten.

  6. nigecus sagt:

    Aufschlussreicher Artikel. Danke.

    Ich denke, dass es nicht wirklich notwendig konkrete Absprachen zu treffen, wenn ein Angebotsoligopol vorliegt. Angenommen jeder Anbieter verknappt mal unerwartet sein Angebot (aus was für offiziellen Gründen auch immer), dann lockt er sich zwar 1x Opportunitätskosten ein, und die anderen profitieren. Jedoch wenn alle Anbieter wissen, dass sie mal dran sein müssen, dann bekommen alle über mehrere Spielrunden in Summe mehr. Sowas funktioniert ohne konkreten Absprachen (außer ein Angebotsseiten-Teilnehmer hat ein Gedächtnis wie ein Goldfisch). Das funktioniert solange kein Anbieter versucht den Predator spielt, also sich nie die Opportunitätskosten einloggen will. Man kann die gleiche Argumentation auch darauf anwenden, warum komischweise die Endkundenpreise stärker steigen als die Herstellungspreise.

    Sowas kann man dann wohl nicht als Preismanipulation bezeichnen. Es ist vielmehr ein Indiz dafür, dass die Angebotsseite der Energiebranche nicht ausreichend fragmentiert ist, um so eine Strombörse zu veranstalten oder in einen Preiswettbewerb einzutreten — Es gibt kein Predator.

    Tja, Kartellamtbeamten gegen Energiebosse. Ich denke nicht, dass da irgendein Beammter den Helden spielen will, wenn so ein Energieboss eine Regierung einlullen kann.

    • ketzerisch sagt:

      Es stimmt, dass dies auch mit einer stillen Abrede funktionieren würde. Da ist es aber schwieriger die Abschaltfrequenzen aufeinander abzustimmen, damit es ja schön fair ist. Schließlich wissen die Wettbewerber nicht, welche Abschaltung nun ein echter Kraftwerksausfall war und welcher mein Beitrag zum Kartell.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: