Finanzkrise: Hat Fair-Value-Accounting die Finanzkrise verschlimmert?

Harvard Business School Baker Library 2009

Havard Bücherei - Image via Wikipedia

Ende 2008, auf dem Höhepunkt der Finanzkrise, hat die Bundesregierung in einer Nacht-und-Nebel-Aktion das Bilanzrecht geändert. Ziel war es zu verhindern, dass die Banken die im Wert gefallenen Aktien und Anleihen zum fairen Preis bilanzieren müssen. Dies hätte für viele Banken tiefe Einschnitte in die Bilanzen bedeutet. Das ganze wurde von der Presse und Gesellschaft als wichtig und richtig aufgenommen. Nur wenige, wie dieses Blog, kritisierten das Vorgehen – wenn überhaupt darüber berichtet wurde. Die Geschichte geht immer so: wenn die Banken zu fairen Preisen bilanzieren müssen, dann können sie genau dann zu Verkäufen gezwungen werden, wenn die Preise niedrig sind. Ob das Ganze nun im Nachhinein positiv oder negativ war hat eine wissenschaftliche Untersuchung ergründet, die auf der FMA-Konferenz vorgestellt wurde.

Claudine Madras Gartenberg und George Serafeim von der Harvard Business School sind der Sache nachgegangen. Bereits 2009 veröffentlichten sie eine erste Version der Untersuchungsergebnisse. Sie finden, dass

  • Banken mit einen hohen Anteil an Fair-Value-Bilanzierung sich besser in im 4. Quartal 2008, also dem Quartal der Lehman-Pleite, geschlagen haben als die anderen.
  • Das gilt auch für Industrieunternehmen

Also anders als kolportiert, verschlimmert Fair-Value-Accounting die Krise nicht. Im Gegenteil, die damit einhergehende Transparenz erleichtert die Kapitalbeschaffung der Banken. Es wäre sicher geboten, die Fair-Value-Bilanzierung wieder einzuführen, denn noch immer sind die Bilanzen der Banken reine Fantasie. Für die Bankmanager ist das natürlich praktisch. Die können auf Basis von Fantasiewerten Gewinne ausweisen und sich hohe Boni einstecken. Der Steuerzahler hat den Schaden.

6 Antworten zu Finanzkrise: Hat Fair-Value-Accounting die Finanzkrise verschlimmert?

  1. 40stunden sagt:

    Die Schlussfolgerung sehe ich nicht. Für mich ist es genau andersherum: Banken mit guten Büchern konnten sich Fair Value Bilanzierung erlauben. Banken mit miesen Büchern nicht.

  2. siebenschläfer sagt:

    Mir scheint die Debatte falsch aufgezogen zu sein: Auf dem Höhepunkt der Krise die Bilanzierungsregeln zu verändern, war natürlich schwierig, weil es die Lage noch unübersichtlicher machte. Doch grundsätzlich gehört die Fair-Value-Betrachtungsweise klar zu den Ursachen der Krise, weil sie ineffiziente Märkte zur übergeordneten Instanz erhebt. Ich kann noch nicht einmal verstehen, warum Analysten und andere Investoren-Vertreter diese Vorgehensweise so schätzen. Ihre Behauptung, dass dadurch transparent würde, wie viel die Banken tatsächlich wert sind, ist schlicht falsch: Tatsächlich kann diese Bewertungsweise doch nur eine Momentaufnahme davon bieten, was man an den (leider zur Hysterie neigenden Märkten) gerade über den Inhalt der Bankbücher denkt.
    Ohne Fair-Value wäre die Krise nicht in dieser Form wahrscheinlich gar nicht gekommenen. Denn wenn die Banken alle Papiere nur zur Endfälligkeit hätten bewerten dürfen, hätten sie vor dem Ausbruch der Krise gar nicht so extreme Gewinne ausweisen können. Das hätte den Hype und den darauf folgenden Absturz erheblich abgemildert.

    • ketzerisch sagt:

      Denn wenn die Banken alle Papiere nur zur Endfälligkeit hätten bewerten dürfen, hätten sie vor dem Ausbruch der Krise gar nicht so extreme Gewinne ausweisen können.

      Das ist gerade eben nicht so. Wenn ich eine griechische Anleihe kaufe, dann kostet die 90 und es steht 100 drauf. Wenn ich die jetzt nicht nach Fair-Value bewerten muss, so weiße ich sofort einen Gewinn von 10 aus und klopfe mir auf die Schulter, weil ich so ein geiler Trader bin und sacke einen dicken Bonus ein, weil meine Bank Fantasiegewinne ausweist.

      Fair-Value-Accounting erhöht nicht die Volatilität der Anlagen. Es macht sie nur transparenter. Nicht umsonst gibt es jetzt wieder Rekorgewinne und -boni. Höhere als zu den Boomzeiten vor der Krise…

  3. […] Verlorene Generation: Finanzkrise: Hat Fair-Value-Accounting die Finanzkrise verschlimmert? […]

  4. nigecus sagt:

    Komisch im Handelsblatt (printausgabe) stand letztens, dass in den IFRS die Geschichte mit den Asset=Liabilities geändert werden soll. Also dürfen nur in Zukunft nur noch die Bilanzaktiva zu „Marktwerten“ genommen werden, aber nicht die Schulden (die ja Bilanzaktiva bei den Gläubigern sind). Für die blinden IFRS-Jünger muss das wie das Neue Testmentent sein – Pures Ketzertum ;)

    Handelsblatt „Bilanzgremium IASB ändert paradoxe Regeln“: http://www.handelsblatt.com/_d=HB101029567,_p=1174,_t=ft_archive

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