Alternative Messung des Wohlstandsniveaus

Ökonomen fordern auf die wenig aussagekräftige Zahl des Bruttoinlandprodukts (BIP) zu verzichten. Diese misst die Wirtschaftsleistung, aber nur wenn sie entgeltlich erfolgt. Eine Tochter, die ihre Mutter pflegt, wird nicht erfasst. Erfolgt die gleiche Pflege über einen Pflegedienst, so fließt sie ins BIP ein. Eine deutsch-französische Kommission hat nun einen Alternativvorschlag unterbreitet:

Schnellstens sollte die Politik dafür Sorge tragen, das produktionsorientierte Messsystem zu ersetzen durch ein neues, dessen Mittelpunkt das Wohlbefinden aktueller und kommender Generationen ist.

Wichtig finde ich dabei vor allem den Einbezug kommender Generationen. Nach der aktuellen Definition steigt das BIP nämlich, wenn der Staat Schulden macht, um das Geld zu verschwenden. Das BIP ist rein auf die Gegenwart bezogen. Das die nachfolgenden Generationen die Schulden wieder abtragen müssen und einen entsprechenden Wohlstandsverlust verbüßen ist gar nicht erfasst. Dieser Missstand ließe sich vergleichsweise einfach beheben: Einfach die Neuverschuldung vom BIP abziehen. Idealerweise natürlich die gesamte Verschuldung, inklusive Privatpersonen, Kommunen und Ländern. Da ich letztere gerade nicht verfügbar habe, habe ich das einfach nur für Verschuldung des Bundes gemacht:

Die Grafik zeigt den Anstieg der Wirtschaftsleistung korrigiert um den Teil, der durch Anstieg der Schulden entstand.

Die Grafik zeigt den Anstieg der Wirtschaftsleistung korrigiert um den Teil, der durch Anstieg der Schulden entstand.

Wie man sieht, war bis 1991 das Wachstum immer in der gleichen Größenordnung wie der Anstieg des BIPs. Mit der Wiedervereinigung änderte sich das schlagartig. Seit dem wächst die Staatsverschuldung fast durchgehend schneller als die mit dem BIP gemessenen Wirtschaftskraft. Ausnahmen sind nur die UMTS-Auktion im Jahr 2000 und die Superboom-Jahre kurz vor dem Ausbruch der aktuellen Weltwirtschaftskrise.

Die Staatsausgaben sind in das BIP eingerechnet. Jeder ausgegebene Staatseuro erhöht das BIP um einen Euro. Also hätten wir ohne die ständig wachsenden Staatsschulden schon längst einen niedrigeren Lebensstandard. Der kommt natürlich trotzdem irgendwann.

Wir leben durchgehend über unseren Möglichkeiten und da hilft auch das viel beschriebene deutsche Wirtschaftswunder 2.0 in 2010 nichts. Das Problem ist ganz offenbar struktureller Natur und an der Struktur hat sich unter Merkel nichts geändert. Oder um es mit Herrn Busch zu sagen: „Aber wehe, wehe, wehe, Wenn ich auf das Ende sehe!!“

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2 Antworten zu Alternative Messung des Wohlstandsniveaus

  1. Von den Ansätzen halte ich nicht viel. Der Versuch die Verschuldung von BIP abzuziehen macht keinen Sinn, weil man eine Stromgröße (das BIP) mit einer Bestandsgröße (der Verschuldung) vergleicht.

    Den Versuch die Gesamtheit des Wohlbefinden zu erfassen, macht keinen Sinn weil Wohlbefinden (oder Nutzen, um in der historischen Kontinuität zu bleiben) eine Subjektive Größe ist, und es keinen Sinn macht das subjektive Empfinden verschiedener Personen zu einer Größe zusammen zufassen. Solche Arten der Empfindung sind per so nicht intersubjektiv, ein intersubjektiver Nutzenvergleich macht keinen Sinn und daran scheitert jeder Versuch eines Utilitarismus.

    Das BIP ist ein Index für die materielle Gütererzeugung. Das ist ein begrenzter Ansatz, aber einer der noch halbwegs zuverlässig funktioniert.

    • ketzerisch sagt:

      Nur als Erläuterung: Ich habe natürlich nicht die gesamte Staatsverschuldung vom BIP abgezogen, sondern nur die jeweilige Neuverschuldung in dem Quartal. Das ist auch eine Flussgröße, denn es beschreibt den Ein- bzw. Ausfluss aus dem Staatssäckel.

      Letztlich sagt der Graph: Seit 1991 steigt die Staatsverschuldung schneller als das BIP. Vorher war das die Ausnahme. Zumal in der Größenordnung.

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