Zeuge entlastet Goldman Sachs?

Stell Dir vor Du bist ein Hehler, der über einen Second-Hand-Laden Diebesgut unter das Volk gebracht hat. Als Verteidigungsstrategie behauptest Du nun, dass der Händler wusste, dass dies Diebesgut war. Als Richter würde ich Dich auslachen. Der Händler ist dann eben auch ein Hehler. Das macht Dich nicht zu einem besseren Menschen. Dieser Vergleich fiel mir ein, als ich die Aussagen des „Kronzeugen von Goldman Sachs“ lesen musste.

Paolo Pellegrini könnte als Kronzeuge der Verteidigung von Goldman Sachs in die Geschichte eingehen. Laut einem Vernehmungsprotokoll, das der US-Fernsehsender CNBC am Mittwoch veröffentlichte, entkräftete der frühere enge Mitarbeiter des Hedgefonds-Managers John Paulson den Vorwurf der US-Börsenaufsicht SEC gegen die US-Bank. Diese wirft Goldman Sachs vor, wichtige Informationen über ein Investmentprodukt verschwiegen zu haben, darunter die maßgebliche Rolle, die der Hedgefonds Paulson & Co. bei der Portfolio-Auswahl spielte. Dieser Hedgefonds – einer der größten der Welt – habe einen Absturz dieser Werte bewusst einkalkuliert, um dann davon zu profitieren.

Pellegrini erklärte nun laut Vernehmungsprotokoll, er habe dem Finanzmakler ACA früh verdeutlicht, dass Paulson bei dem von Goldman aufgelegten Investmentpapier namens „Abacus 2007 – AC1“ eine Leerverkaufsstrategie verfolge, also auf den Wertverlust wetten würde. ACA hatte „Abacus“ später dennoch mit einem Gütesiegel versehen.

Der Vorwurf war, dass Goldman ACA nicht gesagt hat, dass Paulson ein finanzielles Eigeninteresse daran hatte möglichst viel Schrott in die Finanzstruktur zu laden. Das wäre Betrug an ACA gewesen, die gutgläubig ihr „Gütesiegel“ auf die Kredite gesetzt hat.

Nun ja. Nach Aussage des Zeugen ist dies ja nun nicht der Fall? Alles gut? Eher nicht. ACA wusste also Bescheid und hätte sich damit gegenüber den Investoren auch betrügerisch verhalten. Paulson’s Hedgefonds wusste ohnehin Bescheid und hätte damit auch an einem Betrug mitgewirkt. Goldman wusste auch Bescheid und hat also auch mitgewirkt. Was genau soll diese Aussage also zu Goldman’s Verteidigung beitragen? Ist der Betrug besser, nur weil andere Betrüger beteiligt waren? Da die nach Aussage des Zeugens offen darüber gesprochen haben, könnte man sogar von einem bandenmäßigen Betrug sprechen.

Oder anders ausgedrückt: Auch wenn ich Diebesgut an einen anderen Hehler verkaufe, bin ich selbst ein Hehler. Und auch wenn zwei oder drei Hehler zusammen Diebesgut verkaufen bleiben sie immer noch Hehler. So einfach ist die Welt manchmal. Und über Goldman’s aktive Rolle gibt es keinen Zweifel:

„Abacus 2007 – AC1“, ein Kreditkonstrukt aus sogenannten Collateralized Debt Obligations (CDO, siehe Kasten links), war von dem damals 27-jährigen Goldman-Sachs-Jungstar Fabrice Tourre kreiert worden. Laut Klage der SEC hat Tourre erst dank des Gütesiegels von ACA unter anderem die deutsche Mittelstandsbank IKB dazu bewegen können, sich im April 2007 mit rund 150 Millionen Dollar bei „Abacus“ zu engagieren – Geld, das schon Monate später komplett verloren war.

Der Zeuge belastet Goldman also eher und bestätigt die grundsätzlichen Vorwürfe der SEC, als es zur Verteidigung beiträgt.

Update:
Mit meiner Rechtsauffassung stehe ich nicht alleine da. The Big Picture meint in „10 Things You Don’t Know (or were misinformed) About the GS Case“ ganz ähnliches. (via egghat)

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