Der Wind ist der Atomkraft ihr Tod

Ich habe es noch nicht erwähnt, aber ich habe die Branche gewechselt. Jetzt bin ich kein Banker mehr, sondern versorge Europa mit Strom. Daher lerne ich gerade die Strombranche mit ihren Eigenarten kennen und versuche den einen oder anderen Sachverhalt hier darzustellen. Heute: Warum Wind den Atomstrom teurer macht.


Bekannterweise haben wir in Deutschland die Einspeisevergütung. Eine Sternstunde der deutschen Umweltpolitik. Ein Modell das so erfolgreich war, dass es laut Wikipedia von 47 Staaten übernommen wurde.

Die Regelung ist ganz einfach: Unabhängig vom Marktpreis erhält der Windkraftanlagenbesitzer 55 Euro (manchmal mehr) pro eingespeiste Megawattstunde. Für die anderen Stromproduzenten stellt dies ein Problem dar. Da die Menge des produzierten Stroms jederzeit der Menge des verbrauchten Stroms entsprechen muss und der verbrauchte Strom sich nicht erhöht nur weil gerade Wind weht, muss jemand anderes aufhören Strom zu produzieren.

Das ist im Prinzip ja auch genau das Ziel. Wenn Wind weht, dann können konventionelle Kraftwerke mal aufhören Brennstoffe (Gas, Kohle oder Uran) zu verbrauchen. Blöd nur, dass man ein Atomkraftwerk nicht einfach ausschalten kann. Es dauert runde 72 Stunden ein Atomkraftwerk wieder hoch zu fahren. Solange weht der Wind aber vielleicht gar nicht. Man kann ein Atomkraftwerk auch nur begrenzt runterregeln. Sinkt der produzierte Strom unter einen Schwellwert (ca. 80%), so bricht die Kettenreaktion ab und der Strom fällt auf Null, womit wir wieder bei den 72 Stunden wären.

Nun kann es passieren, dass mehr Strom in einer Regelzone produziert wird, als normalerweise verbraucht werden würde. Dann fällt der Strompreis und beim Strompreis ist da nicht bei Null Schluss. Der Strom muss verbraucht werden, dass will die Physik. So dass der Strompreis auch weit unter Null fallen kann, bis sich ein Verbraucher dafür findet. Letztes Wochenende bei den starken Winden an der Küste gab es einen neuen Minusrekord: Minus 500 Euro pro Megawattstunden (MWh). Der Netzbetreiber musste also den Windkraftanlage 55 Euro für die MWh zahlen und dann noch den Verbrauchern 500 Euro, um sie wieder loszuwerden. Ein teures Vergnügen. Und natürlich völlige Verschwendung. Wenn jemand 500 Euro für die Vernichtung von einer MWh bekommt, so hat er sie vermutlich nicht für etwas sinnvolles eingesetzt. Alle sinnvollen Verbraucher schlagen schon bei höheren Preisen zu.

Mit steigenden Windkraftinstallationen – es kommen bald die ganzen Offshore-Parks – wird die Produktion von Grundlaststrom damit unattraktiver. Und das gilt vor allem auch für Kernkraftwerke. Wenn die Versorgungssicherheit nicht gefährdet werden soll, dann müssen die Kraftwerke aber trotzdem betrieben werden, denn Wind ist nicht planbar. Also mehr Stromverschwendung wegen stark negativer Preise und die Kosten der Verschwendung landen beim Verbraucher.

Es gibt aber meiner Meinung nach einen Ausweg aus dem Dilemma: Nur weil in Deutschland viel Wind weht, ist das ja in Italien noch lange nicht so. Wenn die Verbindungskapazitäten zwischen allen europäischen Ländern ausgebaut werden, dann kann ein größerer Teil der Windunsicherheit aufgefangen werden, ohne dass gleich die Preise einbrechen. Dann kann man auch das eine oder andere Kraftwerk wirklich abschalten, weil irgendwo in Europa wohl immer Wind weht.

Aber auch hier ist ein Problem: Jede neue Hochspannungsleitung wird mit Klagen blockiert und geht daher sehr langsam. Dummerweise ausgerechnet auch von Umweltverbänden. Hier würde ich ein umdenken wünschen: Mehr Kabel sind gut für die Umwelt, denn dann kann man wirklich fossile Kraftwerke durch regenerative Quellen ersetzen.

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6 Responses to Der Wind ist der Atomkraft ihr Tod

  1. Oliver sagt:

    Nun, vielleicht ändert sich ja das alsbald zum Guten. Immerhin ist das „(Energieleitungsausbaugesetz“ am 6.10. beschlossen wurden (http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/16/104/1610491.pdf).

    Übrigens bleibt auch bei Kabeln die Umwelt nicht ganz verschont. Mehr oder weniger breite Schneisen und Leitungen, die nicht unwesentlich Wärme abstrahlen. Von der Ausfallsicherheit und Fehlerortung mal ganz zu schweigen!

  2. nigecus sagt:

    Wir brauchten vielleicht auch mehr Pumpenkraftwerke. Das mit dem Stromnetz musste man echt mal machen.

  3. ketzerisch sagt:

    Mehr Pumpenkraftwerke würde auch helfen. Vor allem solche, mit großen Speichern für langfristige Engerielagerung.

  4. […] die taz bei den hohen Windeinspeisungen und unflexiblen Großkraftwerken aus. Das Problem hatte ich auch schon mal beschrieben. Nur eines vergisst die taz zu erwähnen: die „unflexiblen Großkraftwerke“ sind die […]

  5. […] Ich finde die auch nicht schön. Leider wird es ohne nicht gehen, denn ohne sie kann der Windstrom nícht zu den Verbrauchern transportiert werden. Eine Gegnerin ist beispielsweise Petra Enders, Bürgermeisterin der Stadt Großbreitenbach. Sie […]

  6. […] Mein Reden vor einem Jahr: „Der Wind ist der Atomkraft ihr Tod„. […]

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