Fraktale Finanzen

Fraktal nennt man Strukturen, die im Großen und im Kleinen ähnlich aussehen. Prominentes Beispiel ist die Küste Englands. Je stärker man die Küste vergrößert, desto mehr Ecken und Kanten wird man finden. Mit dem Resultat, dass es unmöglich ist die Länge der Küste zu messen. Die Küste hat nicht die Dimension einer Linie, sondern etwas mehr. Es gibt auch andere Fraktale, die weniger bekannt sind: Schulden beispielsweise.

Ein Grund für die Finanzkrise war es, dass die Banken die Mindesteigenkapitalquoten der Bankenaufsicht umschifft haben. Dazu gründeten Sie Zweckgesellschaften als Töchter, welche riskante Geschäfte für die Bank tätigten. Konsolidiert und in der Bilanz ausgewiesen wurden diese Risiken aber zumeist nicht. Der Regulator sah weg. Wohl auch aufgrund von Druck der Bankenlobbyverbände.

Das Resultat ist bekannt: Die Banken zockten solange, bis sie mal eine Wette verloren und insolvent wurden. Der Staat sprang ein und übernahm die Verluste auf seine Rechnung. Damit stiegen die Staatsschulden sprunghaft an.

Nun ist es so, dass die Staaten in Europa, ähnlich der Banken, auch reguliert werden. Kein Staat darf nach den Maastricht-Kriterien Schulden von mehr als 60% des Bruttoinlandprodukts aufweisen. Darüber wacht die EU-Kommission. Das Kriterium wird durch die Finanzkrise und vor allen den Staatshilfen für die Banken gleich reihenweise gerissen.

Was kann der Staat tun? Nun, er tut einfach das gleiche wie vorher die Banken. Er gründet eine Zweckgesellschaft und rechnet die Risiken der Zweckgesellschaft aus der Staatschuld raus. Wohin das führt, haben wir im Kleinen schon gesehen. Im Großen wird es auch nicht gut gehen. Schulden sind Schulden sind Schulden. Da hilft kein Bilanztrick auf der Welt. Sich selber oder die Öffentlichkeit anlügen hilft nicht.

Oder wie Philip K. Dick sagte:

Reality is that which, when you stop believing in it, doesn’t go away.

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10 Responses to Fraktale Finanzen

  1. FFriend sagt:

    So einfach wie mit der Wirklichkeit ist es mit den Schulden gerade nicht: Solange ein Staat in eigener Währung verschuldet ist, ist der reale Wert der Schulden virtuell, da der Staat auch den Geldwert bestimmt (Zum Beispiel über Inflation nach innen und Wechselkurs nach außen).
    Zwar ist der Euro einem supranationalen Gremium unterstellt, aber wenn alle Mitglieder das Gleiche wollen …

  2. Leon Hartner sagt:

    @FFriend

    …dann ändert das noch gar nichts… wozu haben wir schließlich die Trennung zwischen Zentralbank und Regierung?

  3. FFriend sagt:

    @Leon
    Wenn wie während der letzten Dekaden fortwährend zusätzliche Staatsverschuldung hinzukommt, ist der Zeitpunkt berechenbar, in dem der Schuldendienst der bestimmende Einzelposten im Staatshaushalt sein wird.
    Was wird die „Verlorene Generation“ dann tun?
    1. Konsumverzicht, um abzuzahlen,
    2. Revolution oder
    3. eine Währungsreform durch kontrollierte Inflation, sagen wir 7 oder 10%? So ließen sich alle überzogenen Forderungen der Alten vom Tisch wischen: Zinsforderungen (der Inhaber der Staatsanleihen, witzigerweise „Renten“ genannt“), Pensionen, Renten und sonstige soziale Wohltaten, auch Leistungen privater Versicherungen.

    Wenn dass der politische Wille werden sollte, ist die Trennung von Zentralbank und Regierung ohne jede Bedeutung.
    Ich bin mir sicher, so wird es kommen.
    Ist das schlimm? Ich weiß es nicht, aber in Zeiten des lockeren Geldes ist es den Menschen doch gar nicht so schlecht gegangen.

  4. ketzerisch sagt:

    @FFriend
    Ich stimme zu. Die hohe Staatsschuld ist eine echte Bürde für den Generationenfrieden. Die Jungen haben die große Versuchung sich der Schulden der Alten per Inflation zu erledigen.

    Für die Besitzenden ist es die Reise nach Jerusalem: Ziel ist es rechtzeitig short in Geld zu sein.

    Wird es schlimm? Wahrscheinlich nicht, nur der Lebensstandard sinkt so oder so. Denn eines ändert sich auf keinen Fall: Schulden sind Konsum heute und das heißt weniger Konsum morgen. Daran ändert keine Druckerpresse etwas. Bleibt nur noch festzulegen, wer morgen weniger Konsumiert. Die Jungen oder die Alten. Die Reichen oder die Armen. Etc.

  5. Ja die Bilanzrechnungen, einfach nur lächerlich. Ich habe wirklich keine Lust die Zeche für 70 Jahre verfehlte Politik zu zahlen und spreche mich eindeutig für 1.) Eine Aberkennung der Staatsschulden, 2.) ein absolutes Verschuldungsverbot für den Staat und 3.) eine Abschaffung der Rente in ihrer heutigen Form aus da sie für die junge Generation eine zu große Belastung ist und diese aller Voraussicht nach selber nichts davon haben wird.

  6. marginaleconomist sagt:

    Diese Scheindebatte über Schulden und Generationengerechtigkeit ist irgendwie merkwürdig. Nur nochmal zur Verdeutlichung für die hier anwesenden Nicht-Ökonomen:

    1. Eine Steuer (heute) wird erhoben, fließt bei den Privaten ab und dem Staat zu. Soweit so gut, aber beim Vergleich mit Staatsverschuldung wird oft übersehen, dass:

    2. Staatsverschuldung erfolgt über die Ausgabe von Anleihen (i.w.S.). Diese werden heute ausgegeben. Die Privaten erhalten eine Forderung (früher waren das schön bedruckte Anleihen) und ein entsprechender Zahlungsstrom fließt heute bei den Privaten ab und dem Staat zu (wie bei einer Steuer, hmmm…).

    3. Irgendwann besteuert der Staat wieder die Privaten (Geld fließt bei den Privaten ab) und zahlt damit die Anleihe zurück (Geld fließt wieder den Privaten zu). Das ist ein Nullsummenspiel dergestalt, dass auch bei Verschuldung heute ein Zahungsabfluss bei den Privaten entsteht (wie bei der Besteuerung) und sich die Zahlungen in der Zukunft aufheben.

    Ergo: Wenn sich der Staat heute „für meinen Vater“ verschuldet, dieser mir aber seine Anleihen vererbt, hat mein Vater heute den Zahlungsmittelabfluss (wie bei einer sofortigen Besteuerung) und ich habe in der Zukunft keinen Nachteil, weil sich Anleiherückzahlung (an mich) und Besteuerung (von mir) wieder aufheben.

    Ach ja, die bösen Zinszahlungen: Werden aus meiner Steuer an mich gezahlt.

    Also, kein Grund zur Revolution in den nächsten Dekaden.

  7. […] Wissenswert, Ökonomie on August 10, 2009 at 10:27 Diese Scheindebatte über Schulden und Generationengerechtigkeit ist irgendwie […]

  8. Du kriegst ja nicht deine Steuern zurück sondern nur manche wie die großen Banken (ich glaube der Staat hat die größte Schuld bei der deutschen Bank) kassieren und die Steuerzahler die keine Anleihen haben sind die Dummen weil die für die Anderen die Zinsen zahlen (über Steuern) – und nicht jeder erbt Staatsanleihen von seinen Eltern die groß genug sind das der Teil der gezahlten Steuern (dürfen bei 4,5 Prozent Zinsen immerhin mind. 53 Milliarden, was bei ~200 Milliarden im Jahr Einnahmen von Bund und Ländern wohl sehr stark ins Gewicht fällt) die für die Staatsschuld verpuffen dadurch wieder gut gemacht wird. Das heißt man müsste ungefähr ein Viertel seiner Steuerzahlungen mithilfe von Staatsanleihen gutmachen damit das was du geschrieben hast auf einen selber zutrifft.

    Zudem gehen die die von den Staatsschulden profitiert haben (die Generationen vor mir die von den zu hohen Staatsausgaben profitiert haben) in Rente oder ins Grab und ich darf dann immernoch den Schuldenberg abtragen den sie eigentlich nie erschaffen haben sollten!

    So sieht Generationsgerechtigkeit in meinen Augen nicht aus!

  9. marginaleconomist sagt:

    Ja, es kann natürlich zu Umverteilung kommen. Aber so einfach ist wie Du es Dir machst, ist es leider nicht. So wie Du es beschreibst, zahlen die kleinen, armen Privaten ja durch ihre Steuern Zins und Tilgung für die großen, reichen Privaten. Das stimmt insofern nicht, als dass die „Großen“ ja auch mehr viel Steuern zahlen. Übrigens zahlen die alleine dadurch extra Steuern, dass sie mehr Zinseinnahmen aus den Anleihen (in Deinem Beispiel) haben. Die bezahlen dann ihre Zinsen zum Teil aus ihren eigenen Zinssteuern.

    Wie die Umverteilungseffekte hieraus sind, ist jedenfalls nicht unmittelbar klar. Klar ist aber, dass es für den Vermögensbestand keine Rolle spielt, ob besteuert oder verschuldet wird.

    Aber natürlich ist es richtig, dass das Problem in den „zu hohen“ Staatsausgaben liegt (wie auch immer man das dann messen möchte). Das war auch nicht mein Punkt. Ich wollte vielmehr nur darauf hinweisen, dass es keinen Unterschied macht, ob es nun mit Steuern oder durch Verschuldung erfolgt.

  10. ketzerisch sagt:

    @marginaleconomist

    Die Cashflows mögen ähnlich sein bei Steuer und Staatsverschuldung. Das macht die Instrumente aber noch nicht gleich. Bei Staatsverschuldung hält der Gläubiger eine Schuldverschreibung, die zu Geldschöpfung eingesetzt werden kann (bspw. kann sie als Sicherheit für einen Kredit hinterlegt werden oder sie kann direkt als Geldersatz zur Bezahlung verwendet werden). Nur weil der Staat Cash erhalten hat, hat der Gläubiger daher noch nicht seinen Konsum eingeschränkt. Bei der Steuer hätte er es aber schon.

    Außerdem ist der Kritikpunkt eher, dass die aufgrund der Staatsschuld zu erwartende Steuer so hoch ist, dass sie der dann lebenden Generation nicht zumutbar ist. Würde die aktuelle Generation mit den Steuersätzen belastet, so würde die Regierung schnell abgewählt. Die zukünftige kann sich nicht währen, weil sie (noch) nicht die Mehrheit der Wählerstimmen hat oder die Problematik schlicht nicht überblickt.

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