Als Mephisto die geldpolitische Lockerung erfand

Der alte Goethe war schon ein Genie: Im zweiten Teil des Faustes lässt er Mephisto den Segen des ungedeckten Papiergeldes über den Staat bringen. Am Hof des Kaiser geht die große Klage: Es ist nicht genug Geld vorhanden, die Ansprüche der verschiedenen Lobbyisten zu erfüllen. Doch Mephisto verspricht Abhilfe.

Er stellt Schuldscheine aus, gedeckt mit ungehobenen Schätzen im Boden des kaiserlichen Landes, mithin, mit etwas, von dem man nicht weiß, ob es überhaupt da ist, so ähnlich wie mit dem Wert amerikanischer Hypothekenanleihen. Das Ergebnis: die Wirtschaft floriert, Mephisto betreibt quantitative Easing und schafft den Goldstandard ab. Nur der Narr erkennt am Ende des Gaukelspiels den inneren Witz:

NARR. Da seht nur her, ist das wohl Geldes wert?
MEPHISTOPHELES. Du hast dafür, was Schlund und Bauch begehrt.
NARR. Und kaufen kann ich Acker, Haus und Vieh?
MEPHISTOPHELES. Versteht sich! Biete nur, das fehlt dir nie.
NARR. Und Schloß, mit Wald und Jagd und Fischbach?
MEPHISTOPHELES. Traun! Ich möchte dich gestrengen Herrn wohl schaun!
NARR. Heut abend wieg‘ ich mich im Grundbesitz!
MEPHISTOPHELES
Wer zweifelt noch an unsres Narren Witz!

Der Narr erkennt instinktiv die Gefahr des Papiergeldes und kauft sich Grundbesitz, werterhaltend, beständig.  Faust Charakterisierung des Mephisto aus dem ersten Teil ergibt auch eine ganz gute Beschreibeung der langfristigen Folgen von Papiergeldsystem:

Doch hast du Speise, die nicht sättigt, hast
Du rotes Gold, das ohne Rast,
Quecksilber gleich, dir in der Hand zerrinnt,
Ein Spiel, bei dem man nie gewinnt,
Ein Mädchen, das an meiner Brust
Mit Äugeln schon dem Nachbar sich verbindet,
Der Ehre schöne Götterlust,
Die, wie ein Meteor, verschwindet?

Ungedecktes Geld und ungedeckte Schuldscheine sind in Neusprech einfach nicht nachhaltig. Vor einigen Tagen erschien in der FAZ ein Interview mit dem Chef der Deutschen Bank Josef Ackermann und seinem Doktorvater Hans Christoph Binswanger über Goethes Faust. Dort wurde eine andere Interpretation vertreten, als die obige.
Zunächst geht es um jenen „höchsten Augenblick“, der Mephisto, so er Faust diesen verschafft, dazu ermächtigt, Fausts Seele auf ewig zu erfassen.
Als Mephisto diesen irrtümlich vermutet ruft Faust aus:

Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben,
Der täglich sie erobern muß.
Und so verbringt, umrungen von Gefahr,
Hier Kindheit, Mann und Greis sein tüchtig Jahr.
Solch ein Gewimmel möcht‘ ich sehn,
Auf freiem Grund mit freiem Volke stehn.
Zum Augenblicke dürft‘ ich sagen:
Verweile doch, du bist so schön!
Es kann die Spur von meinen Erdetagen
Nicht in Äonen untergehn. –
Im Vorgefühl von solchem hohen Glück
Genieß‘ ich jetzt den höchsten Augenblick.

Binswanger interpretiert die Stelle wie folgt:

Die Zeit soll ihm verlorengehen, wenn er „den höchsten Augenblick“ erreicht. Den erreicht Faust, als er meint, dauerhaftes Wirtschaftswachstum, unbegrenzte Wohlstandsmehrung verwirklicht zu haben. Das ist der rote Faden, der sich durch die gesamte Tragödie zieht.

Ich finde diese Aussage arg verkürzend und für die Stelle geradezu sinnenstellend. es geht nicht um Wachstum, sondern um Freiheit und Arbeit sowie das Bewusstsein sich durch sein tun auf der Erde unvergessen gemacht zu haben. Es ist das Gegenteil des „Faulbettes“, des erschlaffens im reinsten Genuß, sondern das Aufgehen in Tätigkeit. Es geht in erster Linie um Freiheit und Schaffen, weniger um das „dauerhafte Wirtschaftswachstum“
Nun aber zurück zum Geld:

Binswanger: Mephistopheles hatte Faust auf den Gedanken gebracht, dem Kaiser die Papiergeldschöpfung vorzuschlagen. Als „Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft“‘, erwartet er, dass dies letztlich zu Inflation führen wird. Doch nutzt Faust das Geld, um Neuland zu erschließen, die Wirtschaft in Schwung zu bringen. Neu geschaffenes Geld muss investiert, in Wertschöpfung umgesetzt werden. Das ist die Alternative zur Inflation.

Ackermann: Durch die Schöpfung von Papiergeld und Buchgeld kann man die physische Knappheit des Goldes überwinden und die monetäre Basis verbreitern. Die große Herausforderung ist dann, dieses Angebot an Geld zu kontrollieren und in ein vernünftiges Verhältnis zum realen Wachstum zu setzen.

Binswanger schlägt die Brücke aus dem ersten Akt des zweiten Teils direkt in den fünften, indem Faust als herrischer Großgrundbesitzer und Händler auftritt. Ich habe aber an keiner Stelle die Brücke gefunden, die Faust aus seinen Taten im ersten Akt (Papiergeldschöpfung) in die Position des fünften Aktes (Grundbesitzer) stellt. Im Gegenteil: Binswnger verschweigt die Ereignisse des vierten Aktes. Dort tritt Faust als Feldherr auf, in einem Krieg, der von eben jenem Kaiser aus dem ersten Akt geführt wird, dem faust das Geld lieferte. Es ist ein Bürgerkrieg – das mit Papiergeld bedachte Land liegt also in inneren Unruhen. Diesen Krieg gewinnt Faust mit Hilfe von Mephistos Gesellen Raufbold, Habebald und Haltefest und erhält daher das Land. Dieser Teil der Handlung wird von Ackermann und Binswanger übergangen.

Als Essenz aus dieser kleinen Betrachtung kann man vor allem ziehen, dass Goethe das Wesen des Papiergeldes erfasst hat, indem er es bei Mephisto, dem großen Verführer, einordnet. Manche Politiker erliegen wieder der Versuchung des schnellen Wachstums und fordern eine Aussetzung von Basel II, den Risikorichtlinien für Banken, damit – so die Argumentation – sie wieder mehr Kredite vergeben. Kredite bei denen sie nicht so genau hinschauen, wie der Schuldner ist. Gewerkschafter unterliegen ständig der Versuchung der Gelddruckmaschine: vermeintlich um ihre Klientel zu bedienen. In Wirklichkeit enteigenen sie ihre Mitglieder. Ungedecktes Papiergeld ist des Teufels – oder it’s the real economy stupid.

Epilog:

Ist es nicht so: Für eine hohe Rendite muss man hohe Risiken eingehen?

Ackermann: Nein, das sehe ich nicht so. Gerade in Geschäftsfeldern, die wenig riskant sind, etwa in der Vermögensverwaltung oder im Beratungsgeschäft, benötigt man wenig Eigenkapital – bei gleichem Gewinn ist die Rendite auf einem solchen Geschäftsfeld also viel höher als auf Gebieten mit hohen Risiken, für die die Aufsicht eine höhere Eigenkapitalunterlegung vorschreibt. Die Höhe der Eigenkapitalrendite hängt stark vom Geschäftsmodell ab.

Gratulation Herr Ackermann, sie haben mit Ihrer Aussage gerade 120 Jahre ökonomischen Denkens ad absurdum geführt. Es ist wohl eher so: Wenn man wenig riskante Geschäfte mit sehr wenig Eigenkapital fährt, macht man sie in der Gesamtposition damit zu riskanten Geschäften. Man segelt hart am Wind. Die Höhe der Rendite sollte wohl auch bei der deutschen Bank vom eingegangenen Risiko abhängen.

2 Antworten zu Als Mephisto die geldpolitische Lockerung erfand

  1. ketzerisch sagt:

    In der Tat: Fiat-Geld ist Teufelszeug…

    Man könnte Ackermanns Aussage zu Erträgen aus der Vermögensverwaltung auch so interpretieren: „Wir zocken in unsere Kunden in der Vermögensverwaltung so richtig ab.“

  2. Oekonomische Denker sind doch nur dazu da, das Geldschoepfen der Banker zu vertuschen. Schon schlimm, wie Studenten lieber auf ihre Doktorvaeter hoeren als ihre eigene Denke zu entwickeln…

    Aber wunderbar, dass es Goethe’s Narr gibt! Wann der wohl ins Curriculum aufgenommen wird?

    Vielen Dank fuer diesen hochinteressanten Beitrag!

    Sabine
    http://NationaleSchulden.eu

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