Bildungsstreik: Zynischer geht’s nicht!

In vielen deutschen Großstädten erlebt man dieser Tage einen merkwürdigen Protest. Schüler und Studenten demonstrieren streiken für bessere Bildung. Es ist diese merkwürdige Form des Happening-Protests: Ziel unklar,  Hauptsache Spaß und die Staatsgewalt ärgern. Was den Protest aber in diesen Tagen zynisch werden lässt, ist der Hintergrund im Iran. Während dort Menschen für ihre Freiheit bei Protesten tatsächlich ihr Leben riskieren und einer tatsächlich repressiven Staatsgewalt ausgesetzt sind, versammlen sich hier in Kapuzenpullis gehüllte Abiturienten und proben Revolte auf dem Uni-Campus. Hätten die Veranstalter dieser Aktionen einen Funken politischen Restanstand, hätten Sie die Aktion kurzerhand in eine Solidaritätskundgebung mit der iranischen Bevölkerung umfirmiert und hätten so ein deutliches Zeichen gesetzt. So aber entlarven sie sich nur selbst und machen darüber hinaus deutlich, mit welch eingeschränktem Weltbild sie Ihre Proteste vollführen.

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Heute versammelten sich wohl mehrere hundert Schüler und Studenten vor dem hamburger AudiMax und machten Ihren Forderungen Nachdruck. Forderungen? Auf konkrete Forderungen verzichtet der Protest fast vollständig. Es ist ein diffuses Sammelsurium an vager Kritik. Bologna prozeß, Studiengebühren, Kapitalismus, Ausbeutung, repressiver Staat, Unterdrückung, man kennt das. Bei aller berechtigter Kritik am Bildungssystem sollten sich die Teilnehmer überlegen, in was für einer priveligierten Lage sie leben und in was für einem freiheitlichen Staat sie demonstrieren dürfen.  So eine Schauveranstaltung vor dem Hintergrund der Ereignisse im Iran zu vollführen ist nur eines: Zynisch!

11 Antworten zu Bildungsstreik: Zynischer geht’s nicht!

  1. ace386 sagt:

    Völlig richtig! Heute morgen auf dem Weg zur Uni war meine S-Bahn voll von Schülern, die sich über den freien Tag freuten und als erste Maßnahme des zivilen Ungehorsams überaus lautstark die Bierverteilung organisierten. Konkretester Kritikpunkt der Studierenden hier: das zu teure Semesterticket. Maßnahme dagegen: Blockierung der Straßenbahnschienen. Ergebnis: absolut kein Verständnis der übrigen Bevölkerung, die auf die Bahnen warten müssen.

  2. ketzerisch sagt:

    Ich habe mir die Mühe gemacht die Bildungsstreik-Plakate zu lesen. Ein Ziel des Streik ist mir auch nicht klar gewesen. Da steh ich doch lieber vor der iranischen Botschaft.

  3. Stefan sagt:

    „Hätten die Veranstalter dieser Aktionen einen Funken politischen Restanstand, hätten Sie die Aktion kurzerhand in eine Solidaritätskundgebung mit der iranischen Bevölkerung umfirmiert und hätten so ein deutliches Zeichen gesetzt.“Das kann ich nur unterschreiben.
    Das keiner der Teilnehmer auf Deine Idee gekommen ist, zeigt dass dieser Streik vor allem eines ist: Unpolitisch.

  4. lowestfrequency sagt:

    Achso, also wir deklarieren eine Demo mal eben um, weil’s irgendwo in der Welt gerade auch Demos gibt, in denen es um grundlegendere Rechte geht? Wie schräg ist das denn? Meint ihr, die Situation an den Unis hier ist toll oder es wert, zu schweigen, nur weil’s anderswo noch schlimmer ist? Die Demonstrationen sind auch keineswegs beliebig. Da gibt es Leute, für die ist es beliebig, und es gibt auch diverse, die sich im Wesentlichen über den freien Tag gefreut haben, aber geht erstmal selbst zu den Streiktagen hin und redet mit den Leuten. Die Mehrzahl hat nämlich einfach keine Lust auf ein Studiensystem, das kein Arsch wollte, aber dafür mit 500 € pro Semester zubuche schlägt. Ich persönlich kriege mit, wie sich das Ba/Ma-System auswirkt: Keinerlei Ziele erreicht wie „Mobilität erhöhen“ oder „mehr Akademiker“, aber dafür mehr Stresserkrankungen und Alkoholprobleme unter Studenten; Herzlichen Glückwunsch. Ich finde es eher zynisch, wie man sich derart echauffieren kann über Leute, die ihre Rechte in Anspruch nehmen, um wenigstens bei einer Sache wieder Öffentlichkeit für das Thema Bildungssystem schaffen, wie es die Betroffenen befürworten. Natürlich kann keine Demonstration konkrete und detaillierte Lösungen präsentieren, ein Stück weit ist Beliebigkeit Pflicht, damit man auch mehr als 2 Leute mit der gleichen meinung findet. Aber das ist überall so, auch im Iran. Da gibt’s nur einen größeren Konsens, weil das Thema viel elementarer ist.

    Aber klar, ist ja auch einfacher, sich hier über die blöden Demonstranten zu beschweren, wenn man sich nicht einmal die Mühe macht, die Plakate zu lesen, geschweige denn, grundlegende Verbindungen erkennen zu wollen.

    ZUCHT UND ORDNUNG!

  5. sehrzynisch sagt:

    zum Thema Akloholprobleme unter Studenten sei hier mal aus einer Liedgattung zitiert, die auf eine reiche Historie zurückblickt: Dem Studententrinklied!
    „Ergo bibamus
    Hier sind wir versammelt zu löblichem Tun,
    Drum Brüderchen, ergo bibamus!
    Die Gläser, sie klingen, Gespräche, sie ruhn;
    Beherziget: ergo bibamus!
    Das heißt noch ein altes, ein tüchtiges Wort
    Und passet zum ersten und passet so fort
    Und schallet ein Echo, vom festlichen Ort,
    |: Ein herrliches: ergo bibamus! :|“
    Johann Wolfgang von Goethe

  6. ketzerisch sagt:

    @lowestfrequency:

    „wenn man sich nicht einmal die Mühe macht, die Plakate zu lesen“

    ich schrieb: „Ich habe mir die Mühe gemacht die Bildungsstreik-Plakate zu lesen. Ein Ziel des Streik ist mir auch nicht klar gewesen.“

    Auf den Plakaten (in Hamburg) stand allerlei organisatorisch. Ein Grund für oder gegen was demonstriert wurde stand dar nicht. Wenn man mit den Demonstranten spricht, hat man auch eher den Eindruck, dass die Ziele nicht gerade kongruent sind. Also eher eine „Gegen etwas“-Demo, denn jeder war für etwas anderes.

    Ansonsten wurde auch in diesem Blog schon gegen das Bachelor-Master-System angeschrieben. Jedenfalls in der deutschen Form ist es eine deutliche Verschlechterung gegenüber dem alten Diplom.

    Die Kosten von 500€ pro Semester sind natürlich viel zu wenig. Selbst wenn man die Uni effizienter gestalten würde reicht das auf keinen Fall für eine gute Uni-Ausbildung. Ein Kita-Platz kostet in Hamburg schon 900€, aber pro Monat. Ergo ist die Uni-Bildung stark subventioniert. Von allen Steuerzahlern, nicht nur von denen die in den Genuss des Studiums kommen. Gerecht ist das nicht.

  7. lowestfrequency sagt:

    500 € zu wenig? Subventionierte Unis? Achso, also sollte man vermutlich nur ein Minimum an Bildung bezahlen, weil ja alles weitere Luxus und ungerecht gegenüber den Leuten ist, die nach der Hauptschule eine Lehre beginnen.

    Schon mal dran gedacht, dass viele „arme“ Kinder auch auf die Unis wollen? Schon mal aufgefallen, dass man als Lehrling Geld kriegt und nicht zu knapp, dass man früher fertig ist und dass Akademiker mit dem Geldverdienen etwas aufholen müssen an Vorsorge, weil ihnen das während des Studiums nicht möglich ist? Die arbeiten nämlich 5 Jahre unbezahlt, staat 3 Jahre für Lehrlingsgehalt und dann schon 2 Jahre ordentlich auf dem Arbeitsmarkt… Das will erstmal wieder erwirtschaftet sein. Die Bildung sollte jedem offenstehen. Wer meint, die Uni nicht zu nutzen, sei ja für ihn persönlich Geldverschwendung, soll doch hingehen…

    Ich bin auch ein Gegner der bezahlten Kita- bzw. Kindergartenplätze. Für mich muss Bildung vom Kindesalter bis zum Diplom bzw. jetzt Master frei sein für jeden. Die Kosten dafür hat die Allgemeinheit zu tragen, wobei das Steuersystem dort Einkommensstarke, also vor allem die, die akademische Abschlüsse erworben haben, stärker belastet. Also bezahlen die Leute später, wenn sie einen Job haben, sehr viel mehr an Steuern mehr ein, als sie während des Studiums verbraucht haben.

    Und an den Zyniker: Was soll dieses Trinklied? In der Sache ist das ungefähr so hilfreich wie’n Arschloch am Ellbogen.

  8. ketzerisch sagt:

    Mir ging es bei der 900€ für den Kitaplatz nicht darum, wer es bezahlt. Die Kosten sind 900€ in Hamburg zahlt davon die Stadt je nach Einkommen der Eltern 50% bis 90%. Kitas sind subventioniert. Unis sind noch viel mehr subventioniert.

    Im Gegensatz zu einer Kita lohnt sich das Studium aber auch finanziell für den Studenten. Wenn man sich Gehaltstabellen anschaut, dann wird man sehr schnell zu dem Schluss kommen, dass die Gesellen mit ihren 2-3 Jahren Vorsprung bei der Arbeit mit dreißig trotzdem ärmer sind als ihre studierten Kollegen. Daher gibt es keine Grund, die Nutznießer des Studiums auch dafür selber aufkommen zu lassen.

    Um auch Kinder ärmerer Bevölkerungsschichten am Studium teilhaben zu lassen (Stichwort Chancengleichheit), muss es nur ein Stipendiumsystem geben, dass finanzielle Unterstützung während des Studiums gibt. Und ich meine jetzt nicht nur die Bezahlung der Studiengebühren, sondern auch des Lebensunterhalts. Die Rückzahlung sollte nach dem Studium erfolgen, gekoppelt an das Einkommen (z.B. 5% des Nachsteuereinkommens, bis getilgt). So wird man auch durch das Studium von Fächern, die nicht maximales Gehalt versprechen, nicht finanziell überfordert.

    Das hat verschiedene Vorteile:
    a) Verursacherprinzip hilft bei der Effizienz
    b) Trittbrettfahrer der Sozialgemeinschaft können belangt werden. Wer zum Beispiel die schöne Deutsche Bildung genießt und sich dann ins Ausland verdrückt, weil da die Steuern niedriger sind (z.B. weil Bildungssystem schlechter), der muss trotzdem sein Darlehen zurückzahlen.

  9. Scrutograph sagt:

    Die versuchen wenigstens irgendwas in Bewegung zu setzen, wenn ihrer Forderungen auch vielfach unbrauchbar sind. Du schreibst hier nur einen zynischen Selbstmitleidsblog voll. Mit einigen brauchbaren Informationen freilich…

  10. Tom sagt:

    Erinnert mich irgendwie dunkel an Sprüche wie:

    „Das schmeckt Dir nicht? Früher im Krieg wären wir froh gewesen sowas gehabt zu haben, da waren wir froh wenn wir rohe Kartoffelschalen zu fressen hatten!
    Denk mal an die armen Kinder in Äthiopien, die wären froh wenn sie das hätten, die müssen hungern…“

    oder

    „Was ist dein Problem mit der Schule? Wir mussten früher jeden Morgen bei Schneesturm 18 KM barfuß bergauf zur Schule laufen!
    Wenn wir nix gewusst haben, gab es 20 mit dem Rohrstock!
    Abends mussten wir dann wieder bei Schneesturm 18 KM barfuß bergauf nach Hause laufen…“

    :-D

  11. sehrzynisch sagt:

    @ Tom: Ich stimme Dir zu, dass es sich um einen Vergleich handelt. Allerdings führst Du in den Sprüchen intertemporale Vergleiche an: Eine Zeit wird mit einer anderen verglichen. Du hast recht, sowas hinkt meistens. In dem Artikel geht es aber um einen Querschnittsvergleich, der sich leider nicht in irgendwelchen Erinnerungen grumeliger Großväter abspielt, sondern gerade jetzt zur selben Zeit. Und Zustände zu gleichen Zeitpunkten sollten sich schon vergleichen und bewerten lassen.

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