Schwappt die Buchstabensuppe nach Europa?

Eine der großen Leistungen der US-Regierung und der FED war es, jedes ihrer Hilfsprogramme mit einem eigenen Buchstabenkürzel zu versehen. Die Abkürzungen sind alle sehr ähnlich und es ist für Otto-Normal-Zeitungsleser unmöglich da die Übersicht zu behalten und zu wissen worüber der Artikel gerade spricht. Eines von den Programmen, soll jetzt nach Wunsch der Bank-Lobbyisten auch nach Europa kommen.

Es sei doch schade, so Bankenvertreter, dass man nun keine Kredite mehr verbriefen könne – keiner will die Dinger mehr kaufen. Damit fällt eine große Refinanzierungsquelle für Banken weg. Wenn kein Marktteilnehmer mehr kaufen will, weil Verbriefungen chronisch undurchsichtig sind und jeder Käufer nach Strich und Faden verarsübervorteilt wird, dann muss halt der Staat kaufen. Warum sollten die Banken ihre Geschäftsmodelle überdenken, wo der Ruf nach dem Staat doch viel einfacher ist?

Die Banken hätten gerne ein Programm wie TALF. Mit TALF können Banken mit Studentenkrediten, Kreditkartenforderungen und Autokredite unterlegte ABS kaufen und dafür einen non-recourse Kredit erhalten. Non-recourse heißt dabei, wenn es schief läuft, dann bleibt der Staat auf den Verlusten sitzen. Wenn es gut geht, dann bleiben die Gewinne bei der Bank. Kurz ausgedrückt: Manchmal gewinne ich und manchmal verlierst Du. Noch kürzer: Die Banken hätten gerne Geld geschenkt. Wie das geht, rechnete Paul Krugman seinerzeit vor.

Die FTD schreibt in einem Artikel dazu:

Beobachter gehen davon aus, dass es die nächsten fünf bis sechs Jahre unmöglich ist, die komplizierten Varianten der Verbriefungen zu verkaufen. Allenfalls einfache Modelle, deren Risiko leicht einzuschätzen ist, hätten eine Chance.

Ich hoffe doch sehr, dass dies nicht nur für fünf bis sechs Jahre unmöglich ist. Komplizierte tranchierte Verbriefungen, wie sie in den vergangenen Jahren üblich waren, wird es hoffentlich nie wieder geben. Die waren schlicht nicht seriös bewertbar und erzeugten im übrigen auch keinen volkswirtschaftlichen gegenüber ihren untranchierten Brüdern.

Im ausgetrockneten Verbriefungsmarkt sehen Finanzexperten eine der Hauptursachen für die schleppende Kreditvergabe. Zwar bemühen sich Regierungen und Notenbanken, über unbegrenzte Liquidität und Staatsgarantien für Anleihen die Bankenrefinanzierung sicherzustellen. Eine EZB-Statistik vom vergangenen Freitag zeigt aber, dass die Kreditvergabe trotzdem schwächelt. Das Volumen der Kredite ging gegenüber dem Vormonat das dritte Mal in Folge zurück. Vor Dezember 2008 hatte es das noch nie gegeben.

Offensichtlich liegt die schleppende Kreditvergabe also nicht an der fehlenden Refinanzierungsmöglichkeit. Sie liegt eher daran, dass sich Banken wieder Gedanken um die Bonität der Kunden machen müssen. Schließlich blieben die Kunden ohne Verbriefung wieder in den eigenen Büchern. Um die Kundenbonität steht es aber derzeit nicht zum besten. Es ist also bei weitem nicht so, dass die Banken kein Geld verleihen, weil sie sich selber keins mehr leihen können. Sie wollen kein Geld verleihen, weil sie Angst haben dabei Verluste zu machen. Da wird natürlich auch ein TALF-Programm nichts helfen.

Institute und Verbände blicken deshalb neidisch über den Atlantik. Um den Verbriefungsmarkt anzukurbeln, hatten die US-Notenbank und das Finanzministerium ein Programm namens „Term Asset-Backed Securities Loan Facility“ (Talf) aufgelegt. Emittenten verkaufen Wertpapiere, die etwa mit Auto- und Studentenkrediten besichert sind, an Investoren. Letztere können diese Asset-Backed Securities (ABS) bester Bonität bei der New Yorker Notenbank als Sicherheit hinterlegen und sich damit Kredite besorgen.

Nach bescheidenen Anfängen werden Talf-Kredite inzwischen stark nachfragt: Im Mai wurden 10,6 Mrd. $ an Krediten vergeben. Im März und April waren es noch 4,7 Mrd. $ und 1,7 Mrd. $.

Interessenvertreter dringen daher auf einen Import des Konzepts nach Europa. „Angesichts des Erfolgs des Talf-Programms als Finanzierungshilfe für Nicht-Banken-Investoren könnte es lohnenswert sein, auch für Europa etwas Ähnliches zu prüfen“, sagte ESF-Geschäftsführer Watson. Laut einer im Mai veröffentlichten EZB-Umfrage zur Refinanzierung der Banken sprechen sich auch die Kreditinstitute mehrheitlich für eine Talf-ähnliche Lösung aus.

Kein Wunder. Ich spreche mich auch mehrheitlich dafür aus, dass ich Geld geschenkt bekomme. Vielleicht macht die EZB mal eine Umfrage unter Arbeitslosen, ob diese umsonst Lotto spiele dürfen? Oder bei den Autofahrern ob Benzin gratis sein sollte?

Für die EZB wären solche Operationen theoretisch möglich. Sie müsste aber ihre Statuten anpassen. Die EZB hat in den vergangenen Monaten stets betont, dass ihr Fokus auf den Bankensektor gerichtet ist. Ein Umgehen der Banken, wie es in den USA möglich ist, kommt für sie nicht infrage. Hintergrund ist, dass die Unternehmensfinanzierung in der Euro-Zone anders als in den USA hauptsächlich über Banken läuft.

Ich hoffe doch sehr, dass da nicht nur die EZB-Statuten im Weg stehen – Geldverschenken ist derzeit wohl verboten – sondern auch der gesunde Menschenverstand. Von einer Zeitung wie der FTD hätte ich mir jedenfalls mehr kritische Distanz zu dem Vorhaben gewünscht.

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