Massenexodus aus Deutschland

Die Sozialabgaben und Steuerbelastungen in Deutschland sind sehr hoch. Das wäre kein Problem, wenn eine entsprechende Gegenleistung vorhanden wäre. Aber meine Generation (Anfang der 70er geboren) zahlt sicher mehr in das Rentensystem ein, als sie daraus zurückerhalten wird. Die Gebildeten meiner Generation zahlen auch mehr in die Arbeitslosenversicherung, in die Kranken- und Pflegeversicherung als sie daraus erhalten werden. Das ist ein Zustand, der immer mehr normale Bürger überlegen lässt, ob nicht ein Leben im Ausland attraktiver ist. Seit 15 Jahren verlassen mehr Deutsche das Land. Meistens jung und gebildet. Deutschland verliert eine Generation.

SPON-Artikels schreibt:

Nach Berechnungen des Sachverständigenrats für Integration und Migration haben seit 2003 rund 180.000 Fachkräfte Deutschland verlassen.

Das sind Wirtschaftsflüchtlinge. Sie fliehen von einem Land, in dem sie unter schlechten Arbeitsbedingungen (z.B. Ärzte, Pfleger, Lehrer, Kindergärtner, …) wenig Geld (netto, oft auch brutto) verdienen. Im Ausland gibt es bei besseren Bedingungen mehr Geld. In einigen Ländern nicht einmal bei schlechteren Sozialleistungen.

Ich selbst leide nun nicht gerade unter o.g. Faktoren, aber ich könnte im Ausland viel mehr Geld verdienen und wenn ich mir die aktuelle Staatsausgaben anschauen, die ich ja auch mitfinanzieren soll, komme ich ins grübeln. Lieber jetzt auswandern, als später in Altersarmut leben oder den Kindern nichts hinterlassen?

Ich folgere daraus folgende Dinge. Erstens: Deutschland muss höllisch aufpassen, dass die Mittelschicht nicht wegbricht. Ein Zustand wie der aktuelle, in dem die produktiven Jungen das Land verlassen und die Rentner, Schüler und Studenten zurückblieben ist nicht finanzierbar. Und es ist ein sich selbst verstärkender Prozess: Je mehr gegangen sind, desto höher sind die Abgaben für den Rest und desto höher der Druck auch zu gehen. Der Zustand ist schon jetzt alarmierend, wie folgende Grafik verdeutlicht:

Migrationsalden in Deutschalnd. Alt vs. Jung

Migrationsalden in Deutschalnd. Alt vs. Jung

Zweitens: Deutschland sollte sich nicht länger das kostenlose universitäre Bildungssystem leisten. Die Leute, die jetzt auswandern, sind ja kostenlos ausgebildet worden und geben dem Land dies nicht zurück. Das kann man beklagen und man kann ihnen auch Schmarotzer hinterherrufen, aber das wäre an den Ursachen vorbei und würde auch nichts lösen. Besser man lässt die Studenten selber für die Bildungskosten aufkommen. Ich meine voll und nicht die Alibi-Studiengebühren, die aktuell erhoben werden. Damit der Zugang zu Bildung nicht von der sozial Schicht abhängt, kann man die Gebühren ja erst nach Abschluss des Studiums und Aufnahme einer Arbeit fällig stellen. Das würde die Bürger, die im Lande bleiben, wenigstens von den Bildungskosten der Auswanderer entlasten.

Drittens: Deutschland sollte sich wieder aktiv um Einwanderer bewerben. Da wäre es sicher hilfreich, wenn die CDU nicht immer gegen Ausländer populisieren würde. Alle meine türkischen Freunde sind nach Amerika ans MIT oder an die Stanford Uni zum arbeiten gegangen. Keiner will nach Deutschland, weil hier Türken – egal wie top-ausgebildet – nur Menschen zweiter klasse sind. Mir selber passiert, dass bei der Wohnungssuche ein Vermieter die feste Zusage einer Wohnung mit der Begründung „Keine Anwälte, keine Hunde, keine Türken“ wieder zurückzog, als er bemerkte, dass meine Frau Türkin ist.

Viertens: Deutschland sollte die Migrationsbeschränkungen für Arbeiter aus den neuen Ost-EU-Staaten aufheben. Es schadet sich nur selber.

9 Antworten zu Massenexodus aus Deutschland

  1. Thomas sagt:

    Stimme grundsätzlich allem zu.

    Bezüglich der Zahlen wage ich allerdings einzuwenden, daß vermutlich ein großer Teil des zuletzt zunehmend schlechteren Wanderungssaldos auf die Liberalisierung des Schweizer Arbeitsmarktes zurückzuführen ist.

    Die Schweiz alleine ist glaube ich schon für fast die Hälfte des Negativsaldos der letzten Jahre verantwortlich.

    Übrigens: Laut Grafik geht es nur um „deutsche Staatsbürger“. Ist aber eigentlich klar, daß deutsche Staatsbürger einen negativen Wanderungssaldo mit dem Ausland haben. Leute, die aus anderen OECD-Ländern nach Deutschland kommen, sind schließlich i.d.R. Ausländer, keine Deutschen.

    Interessant wäre auch, wie die Situation in anderen Ländern aussieht. Z.B. gehen vergleichsweise viele Briten ins Ausland, obwohl Großbritannien bis vor kurzem noch als sehr attraktiver und erfolgreicher Standort galt.

  2. Thomas sagt:

    Zitat: „Mir selber passiert, dass bei der Wohnungssuche ein Vermieter die feste Zusage einer Wohnung mit der Begründung “Keine Anwälte, keine Hunde, keine Türken” wieder zurückzog, als er bemerkte, dass meine Frau Türkin ist.“

    Daß das sogar dann passiert, wenn ein Ehepartner Deutscher ist (und dann sogar noch offen ausgesprochen wrid), ist wirklich krass. Hätte ich nicht gedacht.

    Meine Frau ist übrigens Chinesin, und hatte bisher keinerlei derartige Probleme. Aber Asiaten haben bei uns komischerweise einen erheblich besseren Ruf als Türken. Warum auch immer.

  3. ketzerisch sagt:

    Zu Schweiz: Ja, die Auswanderung in die Schweiz machte 2007 ca. 50% des Saldos aus, davor war es aber weniger. Es gibt wohl auch schon Stimmen in der Schweiz, die sich über die Schwämme an deutschen Einwanderern beschweren. Kann sein, dass die die Zuwanderung begrenzen. Zudem werden deutsche Bänker es aktuell schwer haben in der Schweiz. Die schweizer Banken haben Sorgen, dass deutsche Mitarbeiter durch den deutschen Staat leichter zur Mithilfe bei Steuervergehen von Kunden gezwungen werden können.

    Zu Saldo: Ja, in der Grafik sind nur deutsche Aus-/Einwanderer enthalten. Allerdings ist afaik der Saldo bei den Ausländern auch negativ. D.h. die Zahl der Nettoauswanderer ist noch größer als in der Grafik dargestellt.

    Zu Diskriminierung von Türken: Ja, es gibt kaum Nationen, die in Deutschland einen noch schlechteren Ruf haben (Albaner, Pakistaner oder einige afrikanische Länder vielleicht). Das war nicht unser einziger Zwischenfall, wenn auch der krasseste. In anderen Länder, USA und England z.B., ist der Ruf der Türken übrigens viel besser: Hart arbeitend und top-ausgebildet. Ein Freund kam von der Bilkent Universität in Ankara an die deutsche Elite-Uni „Northern Institute of Technology“ und hat sich ob des schlechten Niveaus nur gelangweilt.

  4. FFriend sagt:

    Eine schöne Darstellung meiner Gedanken, die ich auch schon hatte, wenn ich Sendungen wie „Goodbye Deutschland“ sehe.
    Aber bei der Sache mit den Türken bist du offensichtlich „betriebsblind“ (-:
    1. Du schreibst:
    „Keiner will nach Deutschland, weil hier Türken – egal wie top-ausgebildet – nur Menschen zweiter klasse sind.“
    Das ist ein Witz! Wenn die Grenzen offen wären, würden Millionen kommen. Wir werden es sicher noch erleben, wenn unsere Obergutmenschen die Türkei in die EU aufnehmen (die USA schieben schon) …
    2. Das die Türken (nicht nur hier) ein schlechtes Image haben, ist sicher nicht zu bestreiten. Aber liegt das an den Deutschen? Oder in erster Linie an den Türken?

    Viele Grüße aus Berlin

  5. ketzerisch sagt:

    @FFriend:

    Du schätzt eine Reihe von Dingen meiner Meinung nach falsch ein:

    1) Wenn es Niederlassungsfreiheit für Türken in Deutschland gäbe, so kämen sicher nur schlecht ausgebildete hierher. Die gut ausgebildeten gehen überall hin, aber sicher nicht nach BRD.

    2) Die Nettoeinwanderung von Türken ist in den letzten Jahren negativ gewesen: Es sind mehr Türken in die Türkei umgezogen als nach Deutschland.

    3) Für den Fall eines EU-Beitritts hat sich Deutschland schon eine zeitlich unbegrenzte Einschränkung der Niederlassungsfreiheit für Türken in den Assoziationsvertrag schreiben lassen. Will sagen: Bei Beitritt der Türkei in die EU kommen genau Null zusätzliche Türken nach Deutschland. Da ändert sich rein gar nichts. Allerdings wird sich aller Erfahrung nach (Spanien, Griechenland) die Abwanderung erhöhen.

    4) Schlechtes Images: Wenn ein ganzes Volk ein schlechtes Images bei vielen Deutschen hat, dann sagt das nichts über das Volk aus, sondern eher etwas über die Deutschen, die meinen alle über einen Kamm scheren zu müssen. Es gibt viele soziale Brennpunkte mit hoher türkischstämmiger Bevölkerungsdichte in Deutschland. Daraus kann man aber nicht ablesen, wie die Türken in der Türkei so sind. Man beurteilt die Deutschen ja auch nicht anhand der deutschen Minderheit in Argentinien.

    5) Ich habe in so vielen Ländern der Welt schon gearbeitet und teilweise auch gelebt. Glaub mir: Im Grunde sind die Menschen überall gleich.

  6. FFriend sagt:

    @ketzerisch:
    Sind wir uns doch weitgehend einig!
    Nur zu Punkt 5 möchte ich dir noch ausdrücklich zustimmen, auch wenn es eigentlich etwas langweilig ist …

  7. simonsito sagt:

    My FFriend!

    <>
    ..soso, langweilig….
    Ich habe den Eindruck, Dir ist ungefärbte Information allgemein zu langweilig – das würde zumindest Deine abstrusen Ansichten zu Migration erklären. Kennst Du den Begriff „angry white men“ ?
    Die von ‚ketzerisch‘ aufgeführten Punkte 1,4 und vor allem 5 hast Du wohl kaum begriffen.

    Zu 1): Tatsächlich hat Deutschland OECD-weit die schlechtest-qualifizierten Einwanderer, warum wohl? Es ist eigentlich klar: Die Guten wollen nicht!
    ->Begründung dafür: siehe Punkt 4)…..

    Ob ich der Einzige bin der nicht versteht inwiefern Du Dir mit ‚ketzerisch‘ einig sein willst? Oder liegt das an der Definition von „weitgehend“ ???

    GOOD NIGHT, AND GOOD LUCK…
    simonsito

  8. Thomas sagt:

    Ich sprach vor einiger Zeit mit einem Kollegen. Der teilte sich damals ein Büro mit einer türkischen Kollegin (Professional aus Istanbul, kein „Gastarbeiter-Background“). Er war voll des Lobes über die Dame, sie sei kompetent, pfiffig und habe Humor. Kurze Zeit danach sprachen wir über Wassermelonen, und ich sagte ihm, daß ich sie immer in türkischen Supermärkten kaufe, weil sie dort viel besser und billiger seien als in normalen deutschen Supermärkten. Darauf er extrem skeptisch: „Neee, da kaufe ich nix, das Zeug dort fassen die Türken mit ihren schmutzigen Fingern an, das ist nix für mich!“

  9. ketzerisch sagt:

    @Thomas

    Das ist vielleicht auch ein Beispiel dafür, dass türkische Frauen einen besseren Ruf haben als die Männer.

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