Buchkritik: Unter Linken

Letztes Jahr über die Weihnachtsfeiertage war es soweit: ich durfte mir bei einem Treffen meines Abiturjahrgangs eine große Szene anhören, warum ich die Seiten gewechselt hätte. Gut, ich fühlte mich nicht auf der anderen Seite, aber einige meiner damaligen Mitschülerinnen hatten wohl den Eindruck, ich sei nicht mehr links (Immerhin müssen sie den Eindruck gehabt haben, ich sei es mal gewesen). Und das mussten sie mir auch gleich wortreich kundtun: Ich hätte meine Ideale verraten und gerade von mir hätten Sie das nicht gedacht. Ich sei nur noch normal und spießig und dann kam das böse Wort: konservativ.

Nett, dass nicht nur mir sowas passiert. Der Spiegelautor Jan Fleischhauer hat ein Buch geschrieben, das so einen Weg mit allen Widerständen zeigt: Unter Linken: von einem, der aus versehen konservativ wurde (mit Leseprobe)

Der Autor hat wahre Freude daran, linke Glaubenssätze aufzuspießen und ihnen genüßlich die zahlenmäßige Faktenlage entgegenzuhalten. Er beginnt seinen Weg im sozialdemokratischen wellingsbüttler Milieu (in Hamburger ist es sehr merkwürdig: je reicher der Stadtteil, desto „linker“ die SPD; kann mal irgendwer untersuchen, woran das liegt?) und beginnt von da aus eine Radikalabrechnung, die an einigen Stellen doch sehr einseitig ausfällt. Sei es drum, der Spaß bleibt beim Lesen jedenfalls nicht auf der Strecke. Da wird mit Freude der Linken Moralimperialismus diagnostiziert, um dann die spezielle linke Posten- und Positionenjägerei  auf die Schippe zu nehmen. Die merkwürdige Beziehung der Linken zu allem was normal ist (Kleingarten, ADAC, Jägerzaun und Jagdschein und anständige Klamotten) wird ebenso hochgenommen, wie das eigentümlich Verhältnis der Linken zum Humor, bzw. zum Parteibuchkabarett.

Dieser Blog hat sich in seinem Weltbild ja schon von Anfang an jeder teleologischen Geschichtsentwicklung verweigert. Fleischhauer geht weiter und entkleidet das linke Geschichtsziel aller wohlklingenden Befreiungslyrik: Steinzeittechnik + Diskursethik und ohne Mamutjagd. Auch die These, die Linke sie wesensverwandt mit dem Protestantismus (der Luther war ja sowieso der Lafontaine der katholischen Kirche) taucht bei Fleischhauer  auf. (Natürlich mit polemischem Unterton über die zerknautschten miesepetrigen Gesicher…) Auch die Gleichsetzung zwischen linkem und religösem Heilsversprechen ist nett: zwar nicht so sonderlich orginell, aber sehr nett ausgeführt.

Das Buch rechnet ab: mit den Mitgliedern der „Aktionsgemeinschaft sozialdemokratischer Furien“ (Willy Brandt über die ASF: Arbeitsgemeinschaft sozialdemkratischer Frauen), jener Subgruppe der SPD in der sich die frustrierten Emanzen engagieren und dem Rest der Partei mit roten Haaren, geschlechtergerechter Anträgen und nach drei Gläsern Rotwein mit penetrantem Anbaggern auf die Nerven gehen. Heute sind diese Ziehkinder Schwarzers in jedem Teil des öffentlichen Dienstes auch als Frauenbeauftragte zu bewundern und in Aktion zu genießen. Irgendwo in dieser Petrischale für Emanzen haben sich wohl einige nach mehreren Gläsern Prosekko auch das Prinzip das Gender Mainstreamaing einfallen lassen. Welche Blüten die Geschlechtergleichschaltung mittlerweile treibt lässt sich am besten an einer beliebigen deutschen Hochschule studieren. Fleischhauer lässt auch diesen Teil des großen Projekts „Neue Gesellschaft“ nicht aus.

Es ist aber weniger der Typus des klassichen hemdsärmeligen Sozis, der hier sein Fett wegbekommt, als der Typ Wohlstandslinker: aus dem behüteten Eigenheim im Speckgürtel die Welt- und Bildungsrevolution vorbereiten, während das eigene Kind auf die Privatschule geht und das Einkommen aus dem Staatssäckel strömt. Die moralintrunkenen Gesinnungslinken die mit ihrem Denken wohl mittlerweile die halbe CDU unterwandert haben und aus der SPD eine zahnlose Gutmenschenpartei gemacht haben, die Probleme nicht löst, sondern versucht sie „wegzupräventieren“ und dabei nicht merkt, wie die Freiheit auf der Strecke bleibt. Nicht die Schmidt-Partei wird hier kritisiert sondern eher die Ypsilantis, Nahles und Wizoreck-Zeuls dieser Welt, die heute die bekanntesten Gesichter der Linken sind. Nicht diejenigen, die das Leben für viele weniger schlecht mache wollen sind Ziel der Polemik, sondern die mit der rund-herum-sorglos Paketen, die Utopisten, die schon immer alles besser wussten. Die Linken, die Helmut Schmidt zum Arzt schicken wollte.

Die stärke des Buches sind die Anekdoten, die an persönlichen Erlebnissen und Erfahrungen aufgezeigten Einsichten. Das Faktenwerk dahinter ergänzt zwar, ist aber in vielen anderen Büchern besser und systematischer aufbereitet. Hier werden vor allem Zahlen aus den Studien zum Bildungssystem und zum Sozialstaat wiedergekaut, die man in der Diskussion der letzten Jahre schon häufig vernehmen konnte. Das Buch ist kein wissenschaftliches Werk- will es auch nicht sein – Aber Sätze wie:“ Das lässt sich zeigen“ und „Das ist bewiesen“ machen stutzig und der Autor hat sie eigentlich nicht nötig.

Ja, da rechnet jemand radikal ab. Ab das mit Witz und Eleganz, die der Autor wohl bei Wolf Schneider gelernt hat, dem nach eigenen Aussagen ersten Konservativen, den der Autor getroffen hat. Und eine Schneideranekdote adelt doch jedes Buch. Wer Lust hat, sich in allen seinen Vorurteilen, die er gegenüber Linken pflegt bestätigt zu sehen der möge das Buch lesen; wer als Linker es nicht scheut festzustellen, dass man auch anderes über viele Dinge nachdenken kann und vielleicht den ein oder anderen Ansatz in pragmatische Politik umsetzen mag, dem sei das Buch ebenfalls ans Herz gelegt; wer einfach Spaß hat an herrlicher Polemik und bösem Humor, der sollte unbedingt zuschlagen. Wer im Jahr 2009 aber immernoch wahlweise  die Weltrevolution, die Bildungsrevolution oder die Frauenrevolution plant, der lasse besser die Finger von dem Buch: Es könnte ihn unangehm berühren.

So, danach kann nichts mehr kommen:

Eine Antwort zu Buchkritik: Unter Linken

  1. Gesetzter sagt:

    Obwohl ich der Meinung, dass die Anekdoten die wesentliche Stärke des Buches wären, nicht unbedingt zustimmen kann, muss ich gestehen das Fleischhauers Ausführungen sehr lesenswert waren. Für alle die einer solchen humorvollen aber manchmal etwas seichteren politischen Stellungnahme aufgeschlossen gegenüber stehen sei noch der Blog des Autors genannt: http://www.unterlinken.de

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