Paradox der Sparsamkeit

Paul Krugman, Nobelpreistr’ger für Okonomie, hat in seiner NYT-Kolumne über das Paradox der Sparsamkeit berichtet. Das Paradox fand er in drei Aspekten. Einen lies er dabei aus.

We’re suffering from the paradox of thrift: saving is a virtue, but when everyone tries to sharply increase saving at the same time, the effect is a depressed economy. We’re suffering from the paradox of deleveraging: reducing debt and cleaning up balance sheets is good, but when everyone tries to sell off assets and pay down debt at the same time, the result is a financial crisis.

Krugman identifiziert ein „Paradox der Sparsamkeit“: Wenn einer spart, so ist das eine gute Sache. Wenn alle sparen, dann gleitet die Wirtschaft in eine Depression. Die Frage ist aber doch: „Warum sparen die Leute?“ Sie sparen, um einen höheren Lebensstandard in der Zukunft zu haben. Höher als den, den sie ohne Sparen hätten. Krugmans Aufforderung nicht mehr zu Sparen (z.B. durch höhere Konjunkturprogramme), ist in letzter Konsequenz eine Aufforderung in Zukunft einen schlechteren Lebensstandard zu akzeptieren. Die Konsumausgaben gehen in den USA ja nicht haupsächlich wegen „Angstsparen“ zurück. Sie gehen zurück, weil die Konsumenten pleite sind und keine Buchgewinne von steigenden Hauspreisen mehr in den Konsum stecken können. Sie müssen sparen, weil sie gar kein Geld haben, das sie ausgeben könnten.

Krugman identifiziert ein „Paradox der Enthebleung“: Wenn ein Marktteilnehmer seine Assets verkauft, um den Hebel zu verringern, so ist das gut. Wenn alles das tun, haben wir eine Finanzkrise. Das wird auch das Symptom mit der Ursache verwechselt: Das Problem ist ja nicht, dass alle verkaufen (das ist das Symptom). Das Problem ist, dass alle kein Eigenkapital mehr haben und daher verkaufen müssen. Es sei denn, der Regulator erlaubt negatives Eigenkapital, was er durch die Änderung des Bilanzrechts effektiv gemacht hat. Aber auch das ändert nichts am eigentlichen Problem: Es gibt kein Eigenkapital.

And soon we may be facing the paradox of wages: workers at any one company can help save their jobs by accepting lower wages, but when employers across the economy cut wages at the same time, the result is higher unemployment.

Als letztes macht er auch noch ein Paradox bei den Gehältern aus: „Wenn die Arbeiter einer Firma die Gehälter kürzt, so rettet das Jobs bei dieser Firma. Wenn alle Arbeiter aller Firmen das tun, so führt dies zu höherer Arbeitslosigkeit“.

Hier spricht die empirische Evidenz ganz klar gegen Krugman: Wenn alle Arbeiter aller Firmen in den USA die Gehälter kürzen, so führt das zu mehr Arbeitsplätzen und nicht zu weniger. So gesehen bei Deutschland: Die realen Einkommen sind jahrelang gesunken oder zumindestens nicht gestiegen. Die Folge: stark steigender Export und sinkende Arbeitlosigkeit. Ein Paradox kann ich hier nicht erkennen.

To break that vicious circle, we basically need more: more stimulus, more decisive action on the banks, more job creation.

Und dann wieder die alte Leier von den höheren Staatsausgaben. Wir brauchen höhere Staatsausgaben, um Arbeitsplätze zu schaffen. Ich habe keine Zweifel, dass man mit Staatsausgaben Arbeitsplätze schaffen kann. Aber das Problem löst es nicht. Die Arbeitsplätze existieren nur so lange, wie das Produkt, das sie erzeugen, auch nachgefragt wird. Bei Staatsausgaben also nur so lange, wie die Staatsausgaben aufrecht erhalten werden. Nachhaltigkeit sieht anders aus.

Was die Amerikaner brauchen ist einen niedrigen Lebensstandard. Der aktuelle ist einfach nicht bezahlbar. Niedrigerer Lebensstandard heißt niedrigere Reallöhne. Entweder durch hohe Inflation oder durch Lohnkürzungen. Und die Amerikaner brauchen einen Mutigen, der ihnen das erzählt. Herr Krugman, dass wäre doch ein Job für sie.

5 Antworten zu Paradox der Sparsamkeit

  1. Thomas sagt:

    Das mit dem Sparen ist so eine Sache. Ich persönlich würde Krugman da tendenziell schon folgen (auch wenn er m.E. in letzter Zeit etwas zu dick aufträgt): Wenn im Moment alle sparen, und partout niemand investiern will, dann werden die Ersparnisse nicht für echte Vermögensbildung eingesetzt, und führen damit auch nicht zu einem höheren zukünftigen Lebensstandard (der ja nur durch reale Investitionen entstehen kann, nicht durch monetäres Sparen). Sie können theoretisch sogar zu einem niedrigeren Lebensstandard führen, weil verstärktes Sparen die Krise verstärkt (es wird noch weniger investiert, weil die Nachfrage fehlt, und niemand sich vorstellen kann, daß Investitionen sich lohnen). Standard-keynesianische Argumentation halt.

    Was die Gehälter betrifft: Den Export kann man über niedrigere Gehälter nur dann ankurbeln, wenn der Kostenvorteil nicht durch eine aufwertende Währung ausgeglichen wird. Innerhalb des Euroraums ist das kein Problem. Bei den USA ist das schon weniger eindeutig. Warum sinkende Gehälter allerdings gemäß Krugmans Meinung sogar schaden sollen (= Arbeitsplatzverluste), das ist mir auch nicht wirklich klar.

  2. ketzerisch sagt:

    @Thomas

    Ja, wenn alle aus Angst sparen, dann ist das keine gute Sache. Mein Eindruck ist aber, dass in den USA nicht überwiegend aus Angst, sondern aus Überschuldung gespart wird. Das heißt, das Geld wird gar nicht im eigentlichen Sinne gespart, sondern es ist gar nicht da und wird daher nicht ausgegeben.

    Zu den Investitionen. Es stimmt, dass in den USA derzeit wenig in Produktionsmittel investiert wird. Dies liegt meiner Meinung nach auch daran, dass die FED Guthabenzinsen auf Einlagen zahlt und daher massiv Liquidität absorbiert. Richtig lohnend sind bei den jetzigen Zinsen sehr langlaufende Investitionen. Also Grundlagenforschung oder Entwicklung neuer Produktionsweisen. Weniger gefragt sind Aufstockungen vorhandener Produktionsmittel, denn es gibt dort schon Überkapazitäten. D.h. jetzt den Konsum zu fördern verschiebt die Investitionen auf das kurzfristige Zeitband (vorhandene Produktionsmittel), welches aber nicht nachhaltig ist. Gefragt sind langfristige Investitionen.

    Beispiel: Es bringt nicht, wenn Obama sich 17.000 neue Chryslers bestellt. Das sorgt zwar kurzfristig für eine Auslastung der Fabrik, die danach genauso unwirtschaftlich ist wie zuvor auch. Zudem rechnen sich die Entwicklung wirtschaftlicher Modelle und Produktionsweisen weniger, weil die zukünftige Nachfrage geschrumpft ist.

    Zu den Gehältern: Auch bei ungünstigen Währungsbewegungen bringen Lohnverzichte etwas. Nämlich dann, wenn sich die Löhne im Verhältnis zu möglichen Substituten (Maschinen, Rohstoffe, …) wettbewerbsfähiger werden. Beispiel: Wenn der klassische Autoputzer billiger wird als die Waschstraße entstehen Jobs.

    Aber bei dem US-Handelsdefizit können wir davon ausgehen, dass die Wechselkursentwicklung Lohnkürzungen auch nicht voll kompensieren werden.

  3. Thomas sagt:

    Ich denke ja auch nicht, daß man jetzt wie verrückt aus allen Rohren künstlich Nachfrage schaffen soll (Krugman scheint ja immer noch zu denken, daß die diversen staatlichen Programme viel zu klein sind – da kann ich ihm beim besten Willen nicht folgen). Aber das Risiko, daß die Weltwirtschaft völlig abstürzt, wenn die Regierungen nichts unternehmen, das gibt es m.E. schon, und insofern ist der grundsätzliche Punkt m.E. nicht falsch. Wieviel sinnvoll ist, und was genau sinnvoll ist, da kann man natürlich lang und breit darüber debattieren.

    Das mit den Guthabenzinsen der FED habe ich übrigens nicht ganz verstanden. Wieviel zahlt sie denn, und an wen?

  4. Thomas sagt:

    Was die Gehälter betrifft, so gibt es auch folgenden Denkansatz, der von der Nachfrageseite her kommt:

    Wenn die Gehälter relativ zu Gewinnen sinken, dann ist dies Umverteilung von arm zu reich. Die Konsumquote von „arm“ ist i.d.R. höher als von „reich“, d.h. unterm Strich sinkt die Nachfrage.

    Oder andersrum: Wenn höhere Gehälter dadurch bezahlt werden, daß die Firmen Verluste hinnehmen, dann entsparen die Firmen (oder werden ggf. künstlich vom Staat am Leben gehalten, wenn sie schon halbtot sind), und die Arbeitnehmer haben mehr Geld zum konsumieren.

    Vielleicht meint Krugman das, keine Ahnung…

  5. ketzerisch sagt:

    Die FED zahlt den Banken 0,25% Guthabenzinsen auf Einlagen. Eine Verzinsung, die man bei der Sicherheit so nicht am Markt bekommt. Angesichts der Deflation ein Angebot, dass man nicht ausschlagen kann. Daher hat sie Milliarden an Bankeneinlagen angezogen, die der Privatwirtschaft so nicht zur Verfügung stehen.

    Siehe auch
    http://woodwardhall.wordpress.com/2009/04/13/the-fed-needs-to-make-a-policy-statement/

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: