Blätterrauschen über artgerechte Tierhaltung

Als Werbebegleitung für die neue Single unseres einzigen bundesdeutschen Swing-Stars Roger Cicero (Jazz und Swing waren ja auch der Soundtrack zu letzten Weltwirtschaftskrise) betätigen sich die Feuilletonredakteure der deutschen Großzeitungen dieser Tage darin Zustandsbeschreibungen des männlichen Geschlechts abzuliefern – der Tenor ist meist düster: es steht nicht gut um den modernen Mann.
Willi Winkler bemüht in seinem Artikel für die Süddeutsche Zeitung gleich den Hamlet um die Tragödie des Mannes auf die Bretter zu hiefen:

Held geht also nicht mehr, aber sonst sind die Optionen rar. Der jugendliche Größenwahn, der ganze Aufstand mit den ozeanischen Allmachtsphantasien muss notwendig zerschellen an den Erfordernissen des Alltags, an der Schulpflicht, dem Gruppendruck, dem Familienzwang und allgemeinen Elend.

Nach einem journalistischen Hoppla Hopp über World of Warcraft, starke Schlampen bei Heidi Kulm und Bobele becker als letztem Helden gehts hinten im Artikel irgendwo um bündlerische Lagerfeuer-unter-Männern-Sein Romantik und schließlich schließt der Autor defätistisch mit Freud:

 Kann also jemand unglücklicher sein als der junge Mann? In seinen letzten Jahren wurde der strenge Sigmund Freud strenger denn je: „Man möchte sagen“, formulierte er schließlich 1930 im Unbehagen in der Kultur, „die Absicht, dass der Mensch glücklich sei, ist im Plan der Schöpfung nicht enthalten.“

Kernthese: Dem Mann geht es schlecht. schön ausgemalt, Lösungen: Keine.
Aber Winkler ist ja nicht der einzige, der sich des Männerthemas annimmt. Im Hamburger Abendblatt siniert Armgard Seegers darüber nach, ob man die Jungs vergessen habe. Ihr Artikel ist nicht von der neoromantischen Schwärmerei Winklers, sondern kühl und sachlich (wie es sich für Hamburger wohl gehört), sie hält sich mehr an Zahlen als an Befindlichkeiten:

Schon bei der Geburt sterben mehr männliche als weibliche Säuglinge, auch der plötzliche Kindstod betrifft sie häufiger. Sie werden schneller krank und sind häufiger von Unfällen betroffen. Männer ernähren sich nicht so gesund, treiben weniger Sport, nehmen eher Drogen und leiden häufiger an Krankheiten. Ihre Lebenserwartung liegt in westlichen Gesellschaften im Durchschnitt sechs bis sieben Jahre unter der von Frauen. Auch bei den Selbstmorden sind sie viermal häufiger vertreten als Frauen

Was folgt ist auch bei Ihr die Dianose, den Männern sei ihr Rollenbild abhanden gekommen. Und es finden sich auch dieselben Beispiele wie bei Winkler: World of Warcraft und der ausgediente, traumatisierte Vietnamheimkehrer. Auch hier nur Diagnose. Krisenmalerei. Fast resignierend lässt die Autorin am Ende einen gealterten Playboy zu Wort kommen, der bekennt:“Ich lass mich lieber von Frauen erobern. Da riskiere ich weniger.“
Der Spiegel kann bei so einem heißen Thema natürlich nicht hintenanstehen und lässt Henning Engeln über das vergessene Geschlecht schreiben. Spiegeltypisch wissenschaftlich, Forscher werden zitiert, Objektivität ist ein wertvolles Gut. Es geht um Brutalität. Jungs und Männer haben nicht nur ein Problem, sie sind eines wird ebenfalls spiegeltypisch mit der konkreten Aufhängersituation suggeriert:

Die Wilma-Rudolph-Oberschule im Berliner Stadtteil Zehlendorf gerät im Juni 2008 in die Schlagzeilen. Zwei 14-Jährige drängen einen 13-jährigen Mitschüler in die Jungentoilette, schlagen ihn und filmen die Attacke mit dem Mobiltelefon. Sie wollten den Jungen offenbar mit Gewalt dazu anstiften, anderen Schülern ihre Telefone zu rauben.

Herr Englen startet dann den Husarenritt über die Jungs als Verlierer von Evolution, Wirtschaft und Schule, über die Statisken, die Jungs als das schwache Geschlecht zeigen bis zu ihrem natürlichen Aktivitätsdrang, der mit dem geforderten Rollenverständnis nicht in Einklang gebracht werden kann. Männer werden einfach nicht mehr gebraucht. Zum Schluss darf ein Soziologe in abstraktem Sätzen erkären, warum man das Rollenmuster ersetzen muss:

Nach Hurrelmann müsste es für Pädagogen heute zunächst darum gehen, an dieses stereotype Rollenmuster anzuknüpfen, um es letztlich durch ein flexibleres Muster abzulösen. Dazu gehöre zum Beispiel, jungen Männern Freude am Leben in einer sozialen Gemeinschaft oder mehr Sensibilität für den eigenen Körper mit seinen Stärken und Schwächen zu vermitteln. Wichtig sei dabei, die Eigenheiten der Jungen zu berücksichtigen – etwa ihre Bedürfnisse nach Bewegung -, über neue Formen körperlicher Aktivität nachzudenken und transparente, klare Umgangsformen, Rituale und Symbole zu finden.

Wie das gehen soll: kein Wort. Ob das geht? kein Wort. Jedenfalls werde ich das Gefühl nicht los, der Soziologe argumentiert von hinten nach vorne. Und dann am Ende – spiegellike again – ein wenig politische Korrektheit, damit Alice Schwarzer nicht aufschreit:
 

Auch wenn es ums Geld geht, herrscht noch lange keine Gleichheit: Im Jahr 2005 verdienten weibliche Angestellte durchschnittlich 29 Prozent weniger Geld als ihre männlichen Kollegen. Selbst für vergleichbare Tätigkeiten bekamen Frauen ein um 17 Prozent geringeres Gehalt als Männer.

Klaudia Schultheis formuliert es so: „Wenn Jungen die Schule erst einmal durchlaufen haben, stellen sich ihnen keine Probleme mehr.“

Puh: gelobt sei, was hart macht. Wer meinen Sammlungen tatsächlich bis hier her gefolgt ist, wírd eines Merken: Unsere Leitmedien schreiben ohne Skrupel voneinander ab. Außerdem scheuen Sie sich nicht seitenlange Zustandsbeschreibungen ohne Schlussfolgerungen abzuliefern. Irgendwie schwingt da aber bei allen Autoren zwischen den Zeilen das Geschlechterbild mit, das der alte Schiller in seiner Glocke, dem unübertroffenen Meisterwerk des Spießertums, in Verform goß:   

Der Mann muß hinaus
In’s feindliche Leben,
Muß wirken und streben
Und pflanzen und schaffen,
Erlisten, erraffen,
Muß wetten und wagen,
Das Glück zu erjagen.
Da strömet herbei die unendliche Gabe,
Es füllt sich der Speicher mit köstlicher Habe,
Die Räume wachsen, es dehnt sich das Haus.
Und drinnen waltet
Die züchtige Hausfrau,
Die Mutter der Kinder,
Und herrschet weise
Im häuslichen Kreise,
Und lehret die Mädchen
Und wehret den Knaben,
Und reget ohn‘ Ende
Die fleißigen Hände,
Und mehrt den Gewinn
Mit ordnendem Sinn,
Und füllet mit Schätzen die duftenden Laden,
Und dreht um die schnurrende Spindel den Faden,
Und sammelt im reinlich geglätteten Schrein
Die schimmernde Wolle, den schneeigen Lein,
Und füget zum Guten den Glanz und den Schimmer,
Und ruhet nimmer.

und nun zum Abschluss der anfangs zitierte Song von Roger Cicero:

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