Selektion des Menschen

Das unrühmlichste Kapitel der deutschen Geschichte kommt einem ins Gedächtnis, wenn man den aktuellen Vorschlag des Gesundheitsausschusses des Europäischen Parlaments liest:

Empfohlen wird dort, „Bemühungen zu unterstützen, um seltene Erbkrankheiten zu verhindern, die schließlich zur Ausmerzung dieser seltenen Krankheiten führen werden“. Welcher Art diese Bemühungen sein sollen, die zur „Ausmerzung“ führen, wird hinreichend deutlich gemacht: Genetische Beratung und Auswahl „gesunder Embryos vor der Implantation“. Es handelt sich hier im Übrigen nicht um eine unglückliche Wortwahl durch Übersetzung. Im englischen Text werden „eradication“ und „selection“ als Ziele angegeben.

Das dürfen wir uns dann ungefähr so vorstellen:

2010: Die EU-Regierungen einigen sich im Grundsatz auf Reduktion von Gesundheitskosten durch Selektion seltener Erbkrankheiten. Umfragen unter den EU-Bürger zeigen, dass diese mehrheitlich dagegen sind.

2011: Der Fall der kleinen Anna aus Belgien erregt EU-weit Aufsehen. Das Kind leidet unter einer seltenen Erbkrankheit Rapid Decay, die zum sicheren Tod mit ca. sechs Jahren führt. In einem herzzereißenden Interview sagt die kleine Anna, dass sie am liebst nie geboren wäre. Umfragen zeigen, dass die Mehrheit der EU-Bürger für die Einführung von Selektion im Fall erhöhtem Rapid-Decay-Risiko sind.

2012: Die EU beschließt im Fallen von Rapid Decay die Möglichkeit der pränatalen Diagnostik zwecks Aussonderung von erblich belasteten Embryonen. Kurz vor Ende der Verhandlungen wurde die Liste der betroffenen Krankheiten  mit sechs weitere ergänzt.

2013: Von der Möglichkeit der Selektion wird wenig Gebrauch gemacht.

2014: Die Liste wird um dreizehn weitere Krankheiten erweitert.

2015: Eine wissenschaftliche Untersuchung belegt, dass noch immer viele Kinder mit unheilbaren Krankheiten geboren werden, die im Vorfeld hätten verhindert werden können. Die dadurch entstandenen Kosten werden in der EU auf 200 Mrd. Euro geschätzt.

2016: Die Barmherzige Privatkrankenkasse bietet Beitragsrückzahlungen für Paare an, die die Selektion in Anspruch nehmen. Risikorechnungen haben ergeben, dass dies die Gesamtkosten für alle Beitragszahler senkt.

2017: Fast alle Privatkrankenkassen folgen dem Beispiel.

2018: Um Wettbewerbsnachteile der öffentlichen Krankenkassen zu vermeiden, beschließt die Bundesregierung Beitragsrückzahlungen auch für diese.

2019: Da viele Bürger die Möglichkeit der Beitragsrückzahlungen nicht in Anspruch nehmen, stellen die Krankenkassen um: Versicherte, die der Selektion zustimmen, zahlen geringere Beiträge.

2020: Eine Krankenkasse weigert sich die Kosten für die Behandlung eines Kindes mit Erbkrankheit zu übernehmen, da die Eltern Selektion zugesagt hatten und im entsprechenden Tarif waren. Die Eltern klagen dagegen.

2021: Die Liste der Krankheiten wird um neun weitere ergänzt.

2022: Die Eltern des Kindes scheitern letztinstanzlich mit ihrer Klage. Das Gericht bescheinigt den Eltern, dass sie die Krankheit ihres Kindes wissentlich in Kauf genommen hatten. Für die aus diesem Risiko entstandenen Kosten können nun nicht die Allgemeinheit aufkommen.

2023: Die Liste der Krankheiten wird um siebzehn weitere ergänzt – unter anderem Trisomie 21 (Mongolismus).

2 Antworten zu Selektion des Menschen

  1. Thomas sagt:

    Ist das mit der „Implantation von Embryos“ fachchinesisch, oder geht es hier „nur“ um künstliche Befruchtung? (Aber selbst dann ist „Implantation“ ein komischer Ausdruck, weil man ja eigentlich keine fertigen Embryos implantiert, oder?)

  2. ketzerisch sagt:

    Ich weiß nicht genau, ab wann man das Embryo „Embryo“ nennt. Nach Wikipedia ab Befruchtung bis zur neunten Woche (dann „Fötus“) Implantiert wird afaik die im Glas befruchtete Eizelle nach einigen Zellteilungen.

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