Türkische Wahlen

Heute waren die Kommunalwahlen in der Türkei. Das offizielle Ergebnis steht noch aus. Aber schon jetzt zeichnet sich ab, dass die AKP zwar klar als stärkste Kraft bestätigt wird, aber nicht so klar wie befürchtet.

Nach aktuellem (22:00h Ortszeit) Stand der Auszählung:
Partei Provinzen Bezirke
AKP 46 445
CHP 14 172
MHP 8 126
DTP 8 48
DSP 2 10
DP 1 37
BĞSZ 1 24
BBP 1 3
SP 0 22
ANAP 0 3
EMEP 0 1
ÖDP 0 1

Auch nach Stimmen konnten die Laizisten der CHP zweitstärkste Kraft im Land werden – mit 22% deutlich vor den Nationalisten der MHP, welche 16% erhielten. Deutlichen Abstand hält die AKP von Tayyip Erdogan mit 39%.

Im türkischen Medien wird aber gerade kolportiert, dass sich das Ergebnis noch etwas zugunsten der CHP verschieben könnte. In traditionellen CHP-Hochburgen in Ankara und Istanbul sei der Strom und das Internet ausgefallen. Dadurch sei bislang eine Übermittlung der Stimmen gescheitert. Mal sehen ob ich diesen Post online bekomme…

Da hier gerade auch nichts geht, schreibe ich einfach mal weiter: Derzeit befinde ich mich in Eskişehir. Für jeden, der mal seine Vorurteile gegenüber der Türkei abbauen will, eine echte Reiseempfehlung. Es ist eine ganze normale Großstadt. Hier gibt es keine Sehenswürdigkeiten, auch wenn der Name („Alte Stadt“) und Wikipedia solche versprichen. Die Stadt liegt in der Nähe von Ankara mitten im anatolischen Festland und doch ist die Stadt besonders aus zweierlei Gründen:

Erstens ist diese Stadt überaus westlich; obwohl sie abseits des Tourismus, jenseits der Küsten oder altem griechischen Siedlungsgebiet liegt. Die Stadt könnte ebenso irgendwo in Hinterspanien liegen, wenn an sich die Minarette weg und ein paar Kirchen hindenkt. Die jungen Frauen hier tragen kaum Kopftuch und bei den Älteren hat man den Eindruck, dass es eher Ausdruck der Gewohnheit, denn einer religiösen Überzeugung ist. Strenge Kopftuchbindungen oder gar Burkas und dergleichen habe ich hier noch überhaupt nicht gesehen; es sind definitiv weniger als in Hamburg.

Zweitens zeigt diese Stadt, dass einzelne Personen einen Unterschied machen können. Eskişehir ist eine von zwei Provinzen, die von der Demokratischen Linkspartei (DSP) regiert wird, eine Partei wie die SPD, die von ehemaligen Ministerpräsidenten Ecevit ein paar Jahre vor seinem Tod gegründet wurde. Der Bürgermeister ist Architekt und hat die Stadt binnen einiger weniger Jahre in einen lebenswerten Ort verwandelt. Es gibt nun eine ausgedehnte Fußgängerzone im Stadtzentrum, eine moderne Straßenbahn und Spielplätze, die auch zu spielen einladen. Gerade letzteres ist ein mittlere Revolution in einem Land, in dem die Stadtkinder in erster Linien in der elterlichen Wohnung aufgezogen werden. Da ist es kein Wunder, dass der Bürgermeister auch in dieser Wahl wieder mit über 50% wiedergewählt wurde.

(Der Artikel wurde bereits am Abend des 29.03. verfasst, konnte aber nicht gesendet werden.)

Update:
AKP und CHP haben je noch einen Sitz an die MHP abgegeben. (Stand Montagmorgen)

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