Kommt die Wirtschaftswende schnell genug?

Es mehren sich die Anzeichen, dass die wirtschaftliche Talfahrt verlangsamt. Damit könnte sich 2010 die Wirtschaft vielleicht sogar wieder aufhören zu schrumpfen. Angesichts der aufflammenden Gewalt in verschiedenen Ländern, stellt sich die Frage, ob das die Stabilisierung schnell genug kommt.

Die FTD schreibt:

Luc Rousselet kennt seinen Geiselnehmer. Seit Jahren gehen er und Laurent Joly jeden Morgen durch das gleiche Werkstor. Als am Dienstagabend die Belegschaft das Werksgelände verlässt, sind die beiden nicht dabei. Joly, der seit elf Jahren in der Fabrik in Pithiviers nördlich von Paris arbeitet, hat zusammen mit Kollegen den Frankreich-Chef der US-Büromaterialfirma 3M in seinem Büro als Geisel genommen. „Wir haben keine andere Munition als die Festsetzung der Verantwortlichen“, rechtfertigt sich Joly.

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Seit Wochen treiben die Wut und die Verunsicherung über die Krise die Menschen weltweit auf die Straßen. In den vergangenen Tagen haben die Ereignisse allerdings eine neue, aggressivere Dimension erreicht: Es wird persönlich. In Frankreich, Großbritannien und den USA werden Manager und Banker zur Zielscheibe des Zorns: Geiselnahmen, Morddrohungen, Angriffe auf das Eigentum. Es ist keine abstrakte Wut mehr auf „gierige Banker“ – die Drohungen und Bedrohungen sind ganz konkret.

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n Großbritannien hat sich dieser Zorn bereits entladen. In der Nacht zu Mittwoch zertrümmerten in der Nähe von Edinburgh Unbekannte mit Steinen die Scheiben der Sandsteinvilla von Fred Goodwin, Ex-Chef der Royal Bank of Scotland. Auch die schwarze Mercedes-Limousine in der Hofauffahrt wurde demoliert. Der Schaden ist überschaubar, das Symbol jedoch übermächtig. „Das ist erst der Anfang“, schrieben die Aktivisten unter dem Absender bankbossesarecriminals@mail.com in ihrem Bekennerschreiben. Selten zuvor – zuletzt vielleicht zu Zeiten der Maschinenstürmer im 19. Jahrhundert – hat sich der Volkszorn so gegen Wirtschaftseliten entzündet wie gegen Goodwin.

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Ähnlich aufgewühlt sind die Menschen in den USA. Der Grund hat drei Buchstaben: AIG. Seit bekannt ist, dass der staatsgestützte Versicherungskonzern 218 Mio. $ an Prämien an seine Manager ausgezahlt hat, haben sich Dinge zugetragen, die vor Jahren in dem Land unvorstellbar waren: Der scharfzüngige Senator Chuck Grassley hat die Manager zum Selbstmord aufgefordert – niemand mahnte ihn öffentlich zur Mäßigung. Vorstandschef Edward Liddy berichtete vergangene Woche vor dem Kongress von Todesdrohungen gegen seine Mitarbeiter. Sie sollten mit Klaviersaiten hingerichtet werden, heißt es in einem der Schreiben. Und weiter: „Falls die Regierung das nicht regelt, werden wir, das Volk, das in unsere eigenen Hände nehmen.“

Seit Tagen lassen die AIG-Manager ihre Häuser bewachen. Auch vor der Zentrale in New York patrouillieren Sicherheitskräfte mit Maschinenpistolen. Noch sind es kleine Gruppen, die in der Wall Street Plakate schwenken. „Bail out people, not banks“, steht darauf. Aber die Protestbewegungen formieren sich.

Am 3. April wird die „Bail Out the People Movement“ Demonstranten aus allen Teilen des Landes in Bussen nach New York bringen. Die Veranstalter kündigen düster an: „Wir werden uns Gehör verschaffen.“

Die liberale Kleinpartei „Connecticut Working Families“ hatte zuvor eine Bustour zu den Privatvillen einiger AIG-Manager organisiert – ein Tabubruch. „Die Manager genehmigen sich Gehaltsexzesse, während Millionen Bürger leiden müssen“, schäumte Parteidirektor John Green vor Beginn der Fahrt. „Wenn sie nicht zu uns kommen, kommen wir eben zu ihnen.“

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Am Mittwoch loderten in Paris Barrikaden aus Autoreifen, als Mitarbeiter von einer französischen Continental-Niederlassung auf den Präsidentschaftspalast zumarschierten. Manager aus dem Werk Reims wurden mit Schuhen und Eiern beworfen, als sie Stellenstreichungen verkündeten. Lebensgroße Stoffpuppen, die den Vorstand symbolisieren sollten, gingen in Flammen auf.

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Einen „offenen Brief an meine Freunde aus der herrschenden Klasse“ schrieb deshalb diese Woche Alain Minc in der Zeitung „Le Figaro“: „Habt Ihr übersehen, dass das Land die Nerven zum Zerreißen gespannt hat, dass die Bürger das Gefühl haben – und sei es unberechtigt -, dass sie Opfer einer Krise sind, an der wir die Schuldigen sind?“, fragte Minc. Der Sarkozy-Vertraute scheute sich nicht, an die Stimmung vor der französischen Revolution zu erinnern. Das Schicksal von 1789 habe sich 1788 entschieden. „Spürt Ihr nicht den Groll des Volkes, die Wut der Verbitterten, aber auch das Gefühl von Unruhe, das wie ein tragender Deckenbalken das ganze Land durchzieht?“

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Eine Unruhewelle, die alle westlichen Länder erfasst, sieht [Hans-Ulrich Wehler] nicht: Der Sozialstaat sei so stark wie nie zuvor und könne auch gewaltige Spannungen abfedern. „Trotzdem stellt sich die Frage“, sagt der Historiker, „wann die Schwelle überschritten wird und wir die rote Zone erreichen.“

Hier zeigt sich das Deutschland trotz aller Geldverschwendung bei der Bankenrettung und den Konjunkturprogrammen eine Sache richtig gemacht hat: Von Anfang an, wurden Boni gestrichen und Vorstandsgehälter gekappt, wenn Banken Staatshilfen in Anspruch genommen haben. Gerade die hohen Bonuszahlungen an die Veranwortlichen des Bankenpleiten erregen die meiste Wut im Ausland.

4 Antworten zu Kommt die Wirtschaftswende schnell genug?

  1. Michael sagt:

    Übersetzungsfehler in der FTD: „Connecticut Working Families“ ist natürlich keine liberale Partei, sondern eine linke Partei (Working Families Party was first organized in 1998 by a coalition of labor unions, ACORN and other community organizations, members of the now-inactive national New Party, and a variety of public interest groups.).

  2. Nixmerker sagt:

    „Es mehren sich die Anzeichen, dass die wirtschaftliche Talfahrt verlangsamt. Damit könnte sich 2010 die Wirtschaft vielleicht sogar wieder aufhören zu schrumpfen.“
    Also stehen uns noch 3-5 Schrumpungsquartale bevor. Wenn man den rasanten Absturz von IV/08 und I/09 nimmt und der sich halt noch 3-5 Quartale etwas vermindert fortsetzt, dann weiß ich nicht, worin die positive Nachricht besteht. Dann wäre das allein beim Export eine Halbierung zum Sommer 2008.

    „Hier zeigt sich das Deutschland trotz aller Geldverschwendung bei der Bankenrettung und den Konjunkturprogrammen eine Sache richtig gemacht hat: Von Anfang an, wurden Boni gestrichen und Vorstandsgehälter gekappt, wenn Banken Staatshilfen in Anspruch genommen haben. Gerade die hohen Bonuszahlungen an die Veranwortlichen des Bankenpleiten erregen die meiste Wut im Ausland.“
    Yeah… einem Dutzend Vorständen wurden die Boni gestrichen: Peanuts. Die Wut im deutschen Volk ist nicht so groß? Ist das belegbar? Außer mit den MSM? Sorry, ein selten weichgespülter Post…

  3. ketzerisch sagt:

    @Nixmerker
    „dann weiß ich nicht, worin die positive Nachricht besteht“
    Ich habe nicht geschrieben, dass es eine gute Nachricht gibt. Es sei denn man findet eine langsamere Verschlechterung gut.

    Die Wut im deutschen Volk äußert sich jedenfalls noch nicht in Gewalt, Entführungen, Massendemos, Nationalismus. Das alles gibt es schon in anderen westlichen Ländern. In östlichen sowieso. Würde sich der HRE-Vorstand jetzt ne neue Yacht von seinem Bonus kaufen, wäre das sicher anders.

    Das ändert natürlich nichts an der Verschwendung von Steuergeldern.

  4. ketzerisch sagt:

    Re: „Würde sich der HRE-Vorstand jetzt ne neue Yacht von seinem Bonus kaufen, wäre das sicher anders.“

    Diese Nachricht geht doch schon in die Richtung. Keine Überzeichnung, die nicht von der Realität eingeholt wird:

    „Einmal mehr beweist der schwäbische Unternehmer Reinhold Würth mangelndes Fingerspitzengefühl: Zwar verordnete der milliardenschwere Schraubenhändler insgesamt 1250 seiner deutschlandweit rund 5000 Beschäftigten vom 1. April an Kurzarbeit und Gehaltskürzungen von 15 Prozent. Gleichzeitig gönnt sich der vorbestrafte Steuersünder nach Informationen des SPIEGEL aber eine neue Super-Yacht namens „Vibrant Curiosity“

    http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,616042,00.html

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