Sorgen eines Nobelpreisträgers

Stell Dir vor, Du wärst frisch gebackener Nobelpreisträger und Dein Land steht vor einer schweren Krise. Du empfiehlst lautstark und in aller Öffentlichkeit die Krise mittels Billionen an Steuergeldern wegzudefinieren. Jede abweichende Meinung machst Du dabei nieder. Dein neuer Status als Nobelpreisträger garantiert die alle Aufmerksamkeit die Du brauchst. Nun kommt die Wirtschaft aber leider trotz der gigantischen Ausgaben und Zinssenkungen nicht in Schwung. Was tun?

Ein echtes Dilemma. Klar könntest Du Dich hinstellen und sagen: „Sorry Jungs. Da lag ich wohl falsch“. Nur wäre Dein Ruhm binnen Sekunden zerstört. Dein Name wäre für Generationen mit den neuen Staatsschuld verbunden.

Andere Möglichkeit: Du könntest sagen: „Ok, die Krise ist schlimmer als gedacht. Aber stellt Euch doch mal vor wie schlimm die Krise wäre, wenn wir nicht Billionen ausgegeben hätten!“. Du bist auf der sicheren Seite. Kein Mensch wird Dir je nachweisen können, dass es nicht schlimmer gekommen wäre. Aber zu defensiv. Eigentlich bist Du doch der unfehlbare Nobelpreisträger war es nicht Deine Aufgabe die Krise zu verhindern?

Also schreibt doch einen Aufsatz wie diesen:

President Obama’s plan to stimulate the economy was “massive,” “giant,” “enormous.” So the American people were told, especially by TV news, during the run-up to the stimulus vote. Watching the news, you might have thought that the only question was whether the plan was too big, too ambitious.

Yet many economists, myself included, actually argued that the plan was too small and too cautious. The latest data confirm those worries — and suggest that the Obama administration’s economic policies are already falling behind the curve.

Ja, das ist gut. Das ist Dein Level. Es ist nicht so, dass Du Dich geirrt hast. Nein! Im Gegenteil, die anderen haben nicht genug von Deiner Wundermedizin Staatsausgaben geschluckt. Mehr hilft ja bekanntlich mehr.

Jetzt bist Du wirklich raus aus dem Schneider. Du hättest die Krise verhindert, aber „die“ haben es verbockt. Gut das Du schon Ende letzten Jahres gesagt hast, der „Stimulus“ sei zu klein, jetzt kannst Du Dich problemlos von den Folgen distanzieren.

Update:

Krugman ist scheinbar doch nicht sicher, ob seine Prognosen zutreffen. Jedenfalls nicht so sicher, dass er Greg Mankiw’s Wette annehmen würden oder auch nur darauf reagieren.

14 Antworten zu Sorgen eines Nobelpreisträgers

  1. Medizinmann sagt:

    Das altbekannte Muster, auf das der Herr Krugmann kein Patent hat. Auch unseren Wirtschaftsweisen ging die marktradikale* Medizin nie weit genug und auch von ihnen ist bisher nicht in aller Klarheit zu hören, daß die Größenordnung der Orientierung auf den Export nicht nur kontraproduktiv war, sondern die Binnenkonjunktur völlig aus den Augen verlor.

    * Da fällt mir ein, mir fehlt ein Begriff. Die heutige Deutung des Begriffs „Neoliberalismus“ verhöhnt die echten Liberalen (Bürgerrechte und Freiheit) wie ExBundesinnen Baum. Und marktradikal trifft es auch nicht, denn dann wären aus Wettbewerbsgründen die Stromkonzerne schon lange zerschlagen. Wie betitelt man diese Misere nun richtig? Was trifft den Kern eines Wirtschaftssystems, indem sich ganze Wirtschaftszweige versucht haben, von der Realität, der Realwirtschaft, der Gesellschaft zu entkoppeln???

  2. ketzerisch sagt:

    @Medizinmann
    Ich spüre was Du meinst… sowas wie opportunistisch Liberale? Lobbyliberale?

    An dem Exportüberschuss führt in Deutschland aus ganz praktischen Gründen nichts vorbei: Die Bevölkerung altert und muss daher sparen, um im Alter nicht zu hungern. Ein Sparüberschuss heisst aber, dass es zum Ausgleich auch einen Exportüberschuss geben muss.

    Das ändert natürlich nichts an Deinem Punkt, dass die „Liberalen“ von gestern heute nach Kunjunktur- und Rettungspaketen rufen…

  3. Medizinmann sagt:

    ;) „…pportunistisch Liberale? Lobbyliberale?“ – Ich glaube, daß ist in einer Diskussion nicht griffig und selbsterklärend genug. Wäre vllt. einmal ein Thema…

    Mit Bitte um Erläuterung zu dem „muss“. Wieso kann zumindest ein Teil des Ersparten nicht in die heimische Wirtschaft oder ausländische Realwirtschaft fließen? Bodenständiges Investieren in die eigene Altersvorsorge sieht anders aus. Zudem locker der Hälfte der Deutschen auch nicht so recht möglich. Oder?

  4. ketzerisch sagt:

    Die Ersparnisse fliessen in die ausländische Realwirtschaft. Die Ausländer kaufen mit dem Geld in Deutschland dann ein, was zum Exportüberschuss führt. Solange wir sparen (=Kapital exportieren) haben wir einen Exportüberschuss. Eine Anlage in Deutschland findet natürlich auch statt, aber die hat keinen Einfluss auf die Handelsbilanz.

    Natürlich sparen Ausländer auch und investieren das Ersparte in Deutschland. Der Punkt ist, dass wir mehr sparen müssen, weil wir nicht genug Kinder haben, die uns im Alter aushalten. Das ist im Ausland teilweise anders.

  5. VGR-Besserwisser sagt:

    Ersparnisse des Privatsektors müssen nicht zwingend ins Ausland fließen (Leistungsbilanzüberschuss). Genausogut kann damit ein höheres Staatsdefizit finanziert werden. Ein Exportüberschuss ist nicht notwendig.

  6. ketzerisch sagt:

    Stimmt, aber ein höheres Staatsdefizit löst das Rentenproblem nicht, denn das Staatsdefizit will auch mal wieder zurückbezahlt werden. Das verlagert das Sparen nur in die Zukunft und dann noch stärker.

  7. Medizinmann sagt:

    Sorry, ich lese immer Rentenproblem.

    Erster Punkt: Seit 1948 hat nur 1x unter Strauß eine Tilgung der Staatsschulden stattgefunden. Das kann man als Beweis nehmen, daß eine Tilgung sowieso nie erfolgt und der Staat irgendwann unangespitzt in den Boden gerammt wird. Mit einer Ausnahme.

    Zweiter Punkt: Renten werden aus Steuern und Abgaben finanziert. Völlig egal, ob als Versicherungsleistung oder aus Gewinnen im In- oder Ausland.

    Zur Ausnahme: wenn ich im vorneherein Bevölkerungsgruppen am Einzahlen ausschließe, braucht man hinterher auch nicht zu jammern, die Einnahmen würden nicht reichen.

    Im Übrigen: In- und Ausland ist imho egal. Die Wirtschaft muß es immer erarbeiten. Standort egal. Egal auch, ob als Abgabe oder Dividende.

    Hab ich einen Irrtum dabei?

  8. ketzerisch sagt:

    Zu Punkt 1: Ja. Staatsbankrott kann passieren und wird auch passieren. Das lehrt die Geschichte. Dann gibt es aber auch keine Rente mehr.

    zu 2) Renten werden vom Staat bezahlt und es stimmt, dass es völlig egal ist, wie die Steuer/Abgabe/Versicherungsbeitrag heißt, mit dem der Staat sich das Geld dafür holt.

    Es ist aber nicht egal, ob es im Inland oder Ausland erwirtschaftet wird. Das Inland ist nämlich 2030 viel zu dünn bevölkert, um die Renten aller Rentner zu bezahlen und da der Staat keine Rücklagen hat (siehe 1) müssen die Rentner selber sparen. Das geht dann wohl nur im Ausland, da die inländische Wirtschaft mangels Größe das Kapital gar nicht aufnehmen kann.

    Stell Dir den Extremfall vor, dass es nur noch Rentner im Inland gibt: Wer soll den da was erwirtschaften? Da muss das Ausland für uns Arbeiten. Dafür müssen wir denen aber erst das Kapital bereitstellen. Und zwar jetzt.

  9. Medizinmann sagt:

    Erstmal danke für den lockeren Schlagabtausch…

    Auf die Bevölkerungsschwankung abzuzielen würde bedeuten, alle anderen Randbedingungen konstant zu halten, was nirgendwo in Granit gemeißelt ist. Worauf ich abziele: Beitragsbemessungsgrenzen & Produktivität.

    Stell dir noch einen Extremfall vor: im Ausland gibbet auch nur noch Rentner. Was nun? Auf zum Mars?^^ Worauf ich hinaus will: Müssen muss das Ausland gar nichts. Ich glaube, langsam driften wir in Richtung Mackenroth-Theorem… *Keule raushol* ;)

  10. ketzerisch sagt:

    Das Ausland „muss“ nicht, aber es bekommt halt im Gegenzug von uns Kapital („Gespartes“ halt :-). Wenn das Ausland auch überaltert, die Welt also insgesamt, dann wird das in einer Hungerkatastrophe enden. Genau wie es das in BRD alleine tun wird, wenn wir nicht sparen und exportieren.

    Beitragsbemessungsgrenzen helfen nicht. Mehr Steuern helfen nicht, wenn einfach kein Geld da ist, das man verteilen könnte. Produktivität wäre natürlich eine Lösung. Hoffen wir das beste… sie müsste enorm steigen, wenn Selbstversorger bleiben wollen.

  11. Diese Handy Jukeboxen gehen mir auf die Nerven sagt:

    Das ist doch eine Politik-Angelegenheit.

    Politiker müssen über irgendetwas entscheiden, aber wissen oft nicht so genau über was, aber zumindestens muss es Eindruck machen. Dann werden Experten gefragt, die am besten verkaufbaren Argumente von Parteilern zusammengewürfelt und gesagt die „Experten haben gesagt“. Ob das dann wirklich von den Experten so gesagt wurde, geht in den Schlagzeilen so oder so unter.
    Zum Beispiel beim Hartz4 steht es sogar im Schlagwort drin „das vierte mal umgeschrieben“ (Der Inhalt soll mal hier egal sein).
    Wenn einer der eben passenden Experten gerade ganz super angesehen ist, umso besser, weil dann noch ein bisschen mehr Glitzer abfällt. Um diesen Glitzer geht es dabei. In indirekten Demokratien gibt es keine Gesetze, die direkt vom Volk legitimiert sind. Darum braucht die Politik soviel Glitzer wie möglich, um eine Quasi-Legitimität herzustellen.

    Und wie gesagt, Experten können sich noch so viel bei ihren Sachen gedacht haben, es ist vollkommen egal, weil nur das rein kommt was Politiker auch gut verkaufen können.

    Ich habe ja garnichts gegen Politiker. Aber je mehr Medienzirkus unterwegs ist, desto wahrscheinlicher taucht dieses Phänomen auf. Beweisen kann ich es nicht, aber so ist mein subjektiver Eindruck.

    Was soll’s die Welt wird schon nicht untergehen. Ob anders Entscheidungen besser werden: Keine Ahnung.

  12. […] So lese ich gerade über Krugmans Meinug — das US Stimulusprogramm sei zu klein — folgenden unausgegorenen Beitrag: […]

  13. […] las gerade folgende Kritik über meinen Artikel zu den Sorgen von Paul Krugman, der leider meine Punkte gar nicht […]

  14. […] in die VWL Da es hier ja zu einigen Mißverständnissen bzgl. des Funktionierens des Sparens gekommen ist, hier mal eine […]

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