Kreditrisiken beschäftigen Mainstream-Medien

Was die Verlorene Generation schon seit Oktober predigt, kommt nun auch in den Medien-Mainstream an. Der Spiegel titelt mit der Frage nach der Zahlungsfähigkeit der Staaten, die FAZ hat nun auch einen Artikel dazu und zu der Frage: Wie sicher sind eigentlich die Dax-Konzerne?

Ist die Insolvenz eines Dax-Konzerns wie Daimler, BMW oder Thyssen-Krupp denkbar? Vor Beginn der Finanzkrise wäre die Antwort eindeutig gewesen: unmöglich. Heute fällt die Antwort auf solche Fragen nicht mehr so einfach aus.

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Wer zum Beispiel vor einigen Wochen eine Kreditausfallversicherung (Credit Default Swap, CDS) für eine Forderung gegen Daimler abschließen wollte, musste dafür eine jährliche Prämie von rund 5 Prozent der versicherten Summe akzeptieren. Inzwischen hat sich die Lage etwas entspannt, und es reichen bei einer Laufzeit von fünf Jahren wieder gut 3 Prozent aus. Aber selbst das ist für einen Konzern, der zum Kern der deutschen Industrie zählt, ein alarmierender Wert. Anleger, die bereit sind, derart hohe Prämien zu zahlen, müssen wirklich besorgt sein. Setzt man im Fall der Insolvenz – für die es derzeit wohlgemerkt keine Anzeichen gibt – für die Forderungen gegen Daimler einen Restwert von 40 Prozent des Nennwerts an, dann ergibt sich aus den CDS-Preisen eine angenommene Ausfallwahrscheinlichkeit von mehr als 20 Prozent auf Sicht von fünf Jahren. Derart hohe Ausfallrisiken – wie sie auch bei BMW zu beobachten sind – hat man vor dem Beginn der Finanzkrise nicht einmal finanzschwachen Konzernen zugeschrieben.

Das hier verwendet Verfahren entspricht weitgehend meinen Berechnungen in der Länderrisikoliste. Der Nachsatz „hat man vor dem Beginn der Finanzkrise nicht einmal finanzschwachen Konzernen zugeschrieben“ stimmt so aber nicht. Eine Ausfallwahrscheinlichkeit von 20% in fünf Jahren war typisch für einen finanzschwachen Konzern vor der Krise. Aber das macht das aktuelle Szenario auch nicht besser, denn finanzschwache Konzerne haben nun eine Ausfallwahrscheinlichkeit von 100%:

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Und bei Infineon wird die Absicherung gegen eine Zahlungsstörung inzwischen so hoch gehandelt, dass die Störung von den Investoren als nahezu sicheres Ereignis behandelt wird. Für einen fünfjährigen Kontrakt, der eine Forderung über 10 Millionen Euro gegen Infineon absichert, müssen die Sicherungsnehmer bei einem Neuabschluss derzeit knapp 4 Millionen Euro im Jahr überweisen.

Bei Infineon dürfte es realistisch sein, für den Fall der Fälle mit einem geringeren Restwert der Forderungen zu rechnen, was sich dämpfend auf die angenommene Wahrscheinlichkeit einer Zahlungsstörung auswirkt. Doch selbst auf dieser Grundlage ergibt sich aus den CDS eine erwartete Wahrscheinlichkeit von rund 90 Prozent, dass Infineon die nächsten fünf Jahre nicht übersteht, und von rund 50 Prozent, dass schon nach gut zwei Jahren Schluss ist.

Alarmierend sind die Wert außerdem für die M-Dax-Werte TUI und Continental. Die Absicherung von TUI-Forderungen kostet knapp 15 Prozent der versicherten Summe, beim Autozulieferer Continental liegt der Wert bei 10 Prozent. Der zweite Wert gibt einen Hinweis darauf, wie willkommen und wie wertvoll staatliche Bürgschaften im Zusammenhang mit der Conti-Übernahme wären.

Der zweite Wert gibt eher einen Hinweis darauf, wie viel die Staatsgarantie mindestens kosten müsste, damit sich halbwegs marktgerecht ist. Da die Garantie naturgemäß mit neuen Schulden einhergehen würde, müssten die Kosten für die Garantie noch höher sein. Je nach dem wie hoch die neuen Schulden sind, sogar deutlich höher. Bei den in der Presse zirkulierenden 1 Mrd. Euro würde ich sogar sagen: Das macht gar keinen Sinn, weil die marktgerechten Kosten dann so hoch sind, dass sie keiner mehr zahlen will. Aus gutem Grund.

Im Vergleich dazu auffallend gering sind die vermuteten Pleitewahrscheinlichkeiten für die Finanzkonzerne. Ob Commerzbank, Deutsche Bank oder die Versicherer Allianz, Münchener Rück und Hannover Rück: Die Absicherungskosten für erstrangige Forderungen liegen stets in der Größenordnung von einem Prozent der versicherten Summen oder darunter. Das erstaunt, da die Banken im Zentrum der Finanzkrise stehen. Offenbar werden die staatlichen Rettungspakete als umfangreiche Bestandsgarantien aufgefasst. Obwohl oder – besser – gerade weil die Commerzbank inzwischen weitgehend mit vom Staat bereitgestelltem Eigenkapital wirtschaftet, sind die Risikoprämien bei ihr geringer als bei der Deutschen Bank, die, abgesehen von der Beteiligung im Besitz der Deutschen Post, noch keine direkte Verbindung zum Staat hat.

Das ist so schade, dass ich diesem Vergleich einen eigenen Artikel gönnen werde: Wovor wir immer gewarnt haben ist genau eingetreten: Die Banken wurden gerettet und die Realwirtschaft geht dem Bach runter. Wurden die Banken nicht gerettet, damit der Realwirtschaft kein Schaden entsteht? Das Gegenteil ist eingetreten: Wir haben jetzt gerettete Banken, aber die Realwirtschaft leidet unter den Kosten der Rettungspakete.

Eine Antwort zu Kreditrisiken beschäftigen Mainstream-Medien

  1. sehrzynisch sagt:

    Am Sonntagabend wurde das Thema auch bei Anne Will besprochen. Die Gäste gefielen sich allerdings beim Schönreden der Situation. Beruhigungspille, wie es sich für den Staatsfunk gehört.

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