Eurozone in Gefahr?

Die Zinsunterschiede in der Eurozone weiten sich aus. Die Risikoprämien einiger Länder haben sich so stark erhöht, dass sie teilweise über ein Prozentpunkt mehr Zinsen auf Staatschulden zahlen müssen als Deutschland. Werden wir Zeugen eines Zerfalls der Eurozone? Es wäre nicht der ersten Währungsraum, der wieder aufbricht.

Die Eurozone schreibt in Stabilitätspackt eine Obergrenze für die Neuverschuldung von 3% der Wirtschaftsleistung des Staates fest. Die aktuelle Finanzkrise lässt die Einnahmen der Staaten einbrechen; die vielen Rettungs- und Konjunkturpakete treiben die Staatsausgaben in die Höhe. Dazu dürften sich bald noch Sozialausgaben für die vielen neuen Arbeitslosen gesellen. Doch die Staaten starten von gänzlich unterschiedlichen Verschuldungsgraden in diese Krise. Die folgende Tabelle zeigt die aktuellen Schuldenstände im Verhältnis zum BIP und ie Projektionen in die Zukunft für die EU-Länder.

Die Schulden der EU-Staaten
Haushaltspläne 2008* Schätzung für 2009* Schätzung für 2010*
Belgien 88,3 91,2 94,0
Deutschland 65,6 69,6 72,3
Irland 40,8 54,8 68,2
Griechenland 94,0 96,2 98,4
Spanien 39,8 46,9 53,0
Frankreich 67,1 72,4 76,0
Italien 105,7 109,3 110,3
Zypern 48,1 46,7 45,7
Luxemburg 14,4 15,0 15,1
Malta 63,3 64,0 64,2
Niederlande 57,3 53,2 55,2
Österreich 59,4 62,3 64,7
Portugal 64,6 68,2 71,7
Slowenien 22,1 24,8 25,8
Slowakische Republik 28,6 30,0 31,9
Finnland 32,8 34,5 36,1
€-Gebiet 68,7 72,7 75,8
Bulgarien 13,8 12,2 10,7
Tschechische Republik 27,9 29,4 30,6
Dänemark 30,3 28,4 27,0
Estland 4,3 6,1 7,6
Lettland 16,0 30,4 42,9
Litauen 17,1 20,0 23,3
Ungarn 71,9 73,8 74,0
Polen 45,5 47,7 49,7
Rumänien 15,2 21,1 26,8
Schweden 34,8 36,2 36,0
Großbritannien 50,1 62,6 71,0
Europäische Union 60,6 67,4 70,9
* in Prozent vom Bruttoinlandsprodukt (BiP); Quelle EU-Kommission

Die Zunahme der Verschuldung bei einzelnen Ländern sowie die Unsicherheit über die Einnahmen und den Zustand der Wirtschaft führt zu den unterschiedlichen Risikoeinschätzungen.

Für Länder in der Eurozone gilt dies im besonderen Maße. Die Euroländer haben ihre Währungshoheit an die EZB abgetreten. Im Gegensatz zu anderen Ländern können sie sich daher nicht einfach über eine höhere Inflationsrate und einer Währungsabwertung entschulden. Diesen Weg schein England gehen zu wollen und auch die USA legen es scheinbar darauf an. Euroländer sind ihrer Währung ein Stück weit ausgeliefert. Es ein bisschen ähnlich dem Goldstandard aus dem Anfang des letzten Jahrhunderts. Nobelpreisträger Krugman umreißt das in seinem Blog.

Euroländer haben daher eigentlich nur eine Möglichkeit ihre Zahlungsfähigkeit zu bewahren: Sie müssen mehr Geld einnehmen als ausgeben. Brechen die Steuereinnahmen im Zuge der Krise stark weg, so kann so mancher Eurostaat gezwungen sein, mitten in der Krise zu sparen. Besonders wenn er schon auf einem hohen Verschuldungsniveau steht oder sich durch Konjunkturpakete und kostspieligen Bankrettungen auf ein solches begibt.

In der Eurozone sind vor allem folgende Länder gefährdet:

  • Griechenlands Zahlungsfähigkeit wurde letzte Woche von S&P auf „A-“ herabgestuft. Der Risikoaufschlag ist schon jenseits der 2,5%. Anfang 2007, vor der Finanzkrise, betrug der Aufschlag noch 0,2%.
  • Irland steht kaum besser dar. Zwar steht die Ratingherabstufung noch aus, aber S&P hat das Land schon auf „Ausblick negativ“ gesetzt. Von einer baldigen Herabstufung ist auszugehen. Der Risikoaufschlag unterscheidet sich jedenfalls mit 2,4% kaum noch merklich von Griechenlands.
  • Neumitglied Slowakei ist auch gleich unter den gefährdesten Ländern der Zone. Der Risikoaufschlag beträgt 1,8%. Ähnlich den 1,7% von Italien.
  • Spaniens Kreditwürdigkeit ging wegen der Herabstufung auf AA+ durch die Presse. Aber das Land steht mit einem Aufschlag von 1,4% noch vergleichsweise gut dar. Das Land ist aber sonders hart von der Krise betroffen und eine deutliche Verschlechterung ist nicht ausgeschlossen. Eine Gefahr für den Euro, sind derzeit aber eher die o.g. Länder. Spanien (noch) nicht.

Haben die Länder nicht genug politischen Willen für Sparanstrengungen und die damit zwangsläufig verbundenen Strukturreformen, so gibt es mit dem Austritt aus der Eurozone noch den Heldennotausgang. Die Verlockung: Mit einem Austritt könnte man wieder eine eigene Währung haben und sich dann über eine Abwertung entschulden. Praktisch ist das nicht so einfach und hochgradig gefährlich. Erstens liegen viele Schulden in Euro vor. Devisenschulden wird der Staat über eine Abwertung aber nicht los. Hier müsste ein Staatsbankrott erklärt werden.

Zudem wäre ein Land mit eigener Währung der globalen Finanzkrise noch viel stärker ausgesetzt. Exporteure würde zwar von niedrigeren Wechselkursen profitieren, aber wäre auch dem Risiko von hohen Wechselkursschwankungen ausgesetzt. Die Zinsen in der Währung würden steigen und eine große Belastung für die Wirtschaft des Landes darstellen. Alles keine erstrebenswerten Zustände. Daher halte ich einen freiwilligen Austritt derzeit noch für unwahrscheinlich.

Es gibt aber auch andere Stimmen. Die EU-Kommission hat sorgen, dass die stark steigende Verschuldung den Stabilitätspakt schaden könnte. Haben die Euroländer erst einmal das Gefühl, dass der Pakt im Zweifel nicht so streng ausgelegt wird, so könnte aus dem aktuellem Schuldenproblem ein strukturelles werden. Viele typische Schuldenländer drängen schon auf eine laxe Handhabung des Paktes. Setzt sich eine neue Schuldenpolitik langfristig durch, so sind der EU-Kommission die Hände gebunden. Echte Sanktionsmöglichkeiten sind schwer durchzusetzen. Die EZB müsste die Schuldenpolitik mit höheren Zinsen bekämpfen. Ein Vorgehen, welches Druck auf deren Unabhängigkeit auslösen könnte.

Aktuell die größte Gefahr ist es, dass einzelne Eurostaaten keine Anleihen mehr begeben können. Die Staaten sind aber bei der Fälligkeit alter Schulden gezwungen neue Anleihen zu begeben, mit denen die alten Schulden getilgt werden können. Bleibt der Weg zu neuen Anleihen versperrt, so ist der Staat zahlungsunfähig. Der Maastricht-Vertrag hat für diesen Fall vorgesorgt. Er legt fest, dass im Fall eines Bankrotts eines Eurostaates die anderen nicht zur Hilfe verpflichtet sind. Ob die anderen dann wirklich nicht aushelfen würden, steht natürlich auf einem anderen Blatt. Wolfgang Münchau diskutiert die möglichen Folgen eines Bankrotts in der Eurozone. Er ist der Meinung, dass die anderen Euroländer quasi gezwungen sein könnten, dem brankrotten Land zu helfen.

Bei der Wettbörse InTrade kann man bereits Wetten auf ein Austreten eines Eurostaates bis Ende 2010 abschließen. Die aktuelle eingpreiste Wahrscheinlichkeit ist 30%. Wer das für unrealistisch hält ist eingeladen dagegen zu wetten.

Entwicklung der Wahrscheinlichkeit das ein Euroland den Euro bis Ende 2010 aufgibt.

Intrade: Entwicklung der Wahrscheinlichkeit das ein Euroland den Euro bis Ende 2010 aufgibt.

Entwicklung der Wahrscheinlichkeit das ein Euroland den Euro bis Ende 2011 aufgibt.

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Entwicklung der Wahrscheinlichkeit das ein Euroland den Euro bis Ende 2012 aufgibt.

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Entwicklung der Wahrscheinlichkeit das ein Euroland den Euro bis Ende 2013 aufgibt.

Intrade: Entwicklung der Wahrscheinlichkeit das ein Euroland den Euro bis Ende 2013 aufgibt.

Entwicklung der Wahrscheinlichkeit das ein Euroland den Euro bis Ende 2014 aufgibt.

Intrade: Entwicklung der Wahrscheinlichkeit das ein Euroland den Euro bis Ende 2014 aufgibt.

3 Antworten zu Eurozone in Gefahr?

  1. […] Euroraum macht weiter Sorgen Auch die FAZ widmet sich dem Thema Risiken im Euroraum. […]

  2. […] hat auch ein Problem mit Osteuropa. Und auch die Risikoprämien der Mittelmeerstaaten bringen den Euro in Gefahr. Schwer zu sagen, wer da besser rauskommt; Euro oder Schweizer […]

  3. […] Januar 2009, lange bevor von den Medien das Ende des Euros herbei beschworen wurde, habe ich die Gefahren für die Eurozone beleuchtet. Zeit für ein Review und Update. Die Zunahme der Verschuldung bei einzelnen Ländern […]

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