Presse in der Wirtschaftskrise

Im FAZ-Feuilleton stand gestern ein Artikel über die Rolle der Presse in der Wirtschaftskrise. Und die fällt alles andere als positiv aus. Eine Diskussion, die ich überfällig findet und an der ich mich hiermit gerne beteilige:

Es gibt Zeitungen, von denen erwartete man keine Informationen. Schon gar nicht korrekte, vollständige oder gar vollständig korrekte Informationen. Nicht erst seit dem BILDblog hat die Bild-Zeitung einen solchen Ruf. Aber auch die meisten anderen Medien haben in der aktuellen Finanzkrise keine deutlich bessere Figur abgegeben.

Rainer Hank schreibt:

Die Wut der Öffentlichkeit ist groß und die Enttäuschung auch. Man kann das gut verstehen. Schließlich sind wir eine Art Wiederholungstäter, ist es doch noch nicht allzu lange her, dass die Blase der New Economy geplatzt ist und all die Aktien in die Knie gingen, die zuvor liebevoll in den Finanzteilen der Zeitungen und Magazine gepäppelt wurden.

Das stimmt. Es wurde gleich zwei Riesenblasen in zehn Jahren von den Wirtschaftsjournalisten nicht als solche bezeichnet. Zugegeben, bei der Immobilienblase in Amerika haben die Journalisten wenigstens keine Investmenttips ausgegeben. Das US-Wirtschaftssystem unkritisch als überlegen darzustellen war aber ebenso falsch, wie die Aktie von Boo.com zum Kauf zu empfehlen. Wie bei den Internetaktien auch, wurde es als Stärke interpretiert möglichst viel Geld zu verbrennen. Der amerikanische Konsum wurde ebenso gelobt wie die Geldverbrennungsrate, damals liebevoll cash burn rate genannt, von Boo.com. Wie ausgeprägt muss ökonomischer Verstand sein, damit man erkennt, dass Geldausgeben schlecht ist? Es ist notwendig, zum Leben, zum Spaß haben, etc. aber es ist nicht kein Fundament für die erfolgreiche Entwicklung für eine Firma oder ein Land. Auch nicht für einen Privathaushalt.

Weiter mit Rainer Hank:

Als die Preise (für Kredite, Aktien und vieles andere) stiegen, wussten wir Wirtschaftsjournalisten, dass die Preise steigen. Seit die Kurse fallen, wissen wir, dass sie fallen. Sage keiner, wir seien nicht bei der Herde gewesen, im Rausch euphorisch und in der Depression ganz besonders apokalyptisch. Prozyklisch nennt man das gerne: einer quatscht es dem anderen nach.

Ja. Das kommt aber auch aus dem Selbstverständnis der Journalisten: Bloß keine eigene Meinung haben! Ich habe Freunde, die als Wirtschaftsjournalisten vom Redakteur die Aufgabe bekommen haben die Aktienkursentwicklung des Vortags zu beschreiben. Die Aufgabenstellung selbst ist schon die rein deskriptiv. Oft ist ja auch gar nicht bekannt, warum diese oder jene Aktie gerade gestiegen oder gefallen sind. Also muss sich der Journalist besonders kreative Gründe ausdenken. Ein Beispiel aus dem aktuellen Handelsblatt:

An den Rohstoffmärkten haben die andauernden Angriffe Israels auf Palästinenser-Gebiete für steigende Preise gesorgt. Wegen Sorgen vor einer Eskalation der Krise legten sowohl der Ölpreis als auch die „Krisenanlage“ Gold zu.

Klingt plausibel? Warum auch nicht. Gold kostet heute 1,74% Dollar mehr als gestern und Öl 7,5%. 7,5% klingt natürlich nicht dramatisch genug, daher erwähnt das Handelsblatt lieber, dass es „in der Spitze 12,5% im Plus war“. Oh sind die Kämpfe in Gaza plötzlich zurückgegangen? Oder warum sind sie für den Anstieg des Ölpreises um 12,5% verantwortlich, aber nicht für den darauffolgenden Fall um 5%-Punkte? Dann müssen die Kämpfe im Nahen Osten übrigens plötzlich heute um 10h ausgebrochen sein, denn zu diesem Zeitpunkt setzte der Ölpreisanstieg ein. Mir war so, als wäre die gestern aber auch schon da gewesen.

Während man den nahen Osten ja noch mit Öl in Verbindung bringen kann und daher ein Zusammenhang zwischen den Kämpfen und dem Ölpreis nicht rundweg ausschließen sollte, ist das beim Gold nicht so einleuchtend. Warum, bitteschön, steigt der Goldpreis nur weil Israel die Hamas im Gaza-Streifen attackiert? Es gibt keine Grund. Da bin ich mir ganz sicher. Nicht weil ich mehr weiß als der Journalist des Handelsblatts, sondern ganz einfach weil der Goldpreis gar nicht gestiegen ist.

Ein Blick auf den Kursverlauf scheint mich mit dieser These Lügen zu strafen. Gold kostet tatsächlich aktuell 1,89% Dollar mehr als gestern. Allerdings kostet der Euro auch 1,85% mehr Dollar als gestern. Gold in Euro gerechnet kostet also genauso viel wie gestern. Nur der Dollar ist im Wert gefallen. Nun ja, der Journalist vom Handelsblatt wird bestimmt auch einen guten Grund finden, warum der Dollar wegen der Kämpfe im Gaza-Streifen heute um 1,85% gefallen ist.

Auch wenn o.g. etwas böse klingen mag. Ich will auf keinen Fall dem Handelsblatt-Journalisten irgendetwas unterstellen oder seine Arbeit schlecht reden. Ich habe den Artikel zufällig ausgewählt, weil er mir gerade auffiel und nicht, weil der Journalist oder das Handelsblatt besonders schlechte Arbeit machen würde. Wenn ich die Aufgabe hätte binnen 10min irgendetwas über Gold und Öl auf Internetseite zu schreiben, dann würde das sicher auch nicht besser ausfallen. Aber ich würde an die Leser solcher Texte appellieren, sich die Zeit zum Denken zu nehmen, die dem Journalisten nicht gewährt wurde.

Um noch ein versönliches Ende zu finden, zurück zu Rainer Hank:

Dann kam bekanntlich alles anders, und es entstand eine Ausnahmesituation, in der viele Finanzjournalisten überfordert, einige aber als Deuter herausgefordert waren und sich mehr als wacker schlugen. Wer wissen will, warum die globalen Ungleichgewichte der Handels- und Leistungsbilanzen zwischen Amerika und China ein Problem sind, wer verstehen will, warum die Notenbanken machen, was sie noch nie gemacht haben, und warum das Deflationsszenario uns ängstigen muss, konnte und kann getrost bei Benedikt Fehr (F.A.Z.), Nikolaus Piper („SZ“) oder Martin Wolf („Financial Times“) nachlesen: Leute, die ihren Adam Smith und ihren Keynes gelesen haben und nicht nur auf die Bildschirme Bloomberg und Dow Jones starren.

Genau, es gab Journalisten die gewarnt haben. Viele waren es nicht, aber genügend um sie zu hören. Eine gangbare Alternative wäre es auch sich Zeitschriften mit wirtschaftlich besser ausgebildeten Journalisten zu suchen. Zeitschriften wie der „The Economist“, der schon jahrelang vor der Immobilienblase gewarnt hat. Qualität und Unabhängigkeit kostet allerdings auch: 5,20€ in Deutschland.

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